Mittwoch, 28. März 2018

Mein Verantwortungsgefühl, meine (vermeintliche) Schuld und meine Abgrenzung und wie das alles zusammenhängt

Abgrenzung ist schon seit langem ein Thema bei mir. In meiner ersten Therapie vor 4,5 Jahren wurde relativ schnell klar, dass ich hiermit ein echt großes Problem habe. Ich übernehme für alles und jeden die Verantwortung. Nebenbei fühle ich mich noch für ziemlich viel schuldig, was natürlich mit dem übersteigerten Verantwortungsgefühl zu tun hat. Schließlich bin ich doch für ungefähr alles verantwortlich und wenn etwas schief läuft oder wenn es jemandem schlecht geht und ich das nicht ändere(n kann), dann bin ich dafür verantwortlich und somit schuld an dem Unglück. Klingt ziemlich logisch, oder? Ist nur leider auf Dauer schwer zu ertragen, wenn man das seit klein auf so handhabt, weil das doch recht schwer auf den Schultern lastet.

Ein Therapeut diagnostizierte mir mal eine Anpassungsstörung in dem Themenfeld. Ich übernehme einfach zu viel Verantwortung. Viel viel viel mehr als der Durschnittsmensch und viel mehr als gut für mich ist. Doch wie genau ich mich nun von anderen Menschen und deren Bedürfnissen abgrenzen kann, damit ich mich hierfür nicht mehr verantwortlich fühle, teilte er mir leider nicht mit.

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Nun hängen mein Verantwortungsgefühl und meine (vermeintliche) Schuld sehr eng beieinander. Im Laufe meiner zwei Therapien hat sich ziemlich schnell herauskristallisiert, woher das kommt. Weil es ein sehr persönliches Umfeld betrifft, umreiße ich es hier nur kurz: eine Person hat mir von klein auf mit sehr deutlichen Worten beigebracht, dass ich an ALLEM Schuld bin und es eh besser wäre, wenn ich nie geboren, sondern direkt abgetrieben worden wäre. Mit dieser Person habe ich bewusst den Kontakt abgebrochen, sobald mir dies mit 18 Jahren möglich war. Doch die frühkindlichen und jahrelangen Prägungen hallen in mir nach. Sie haben meine Wahrnehmung und mein Empfinden nachhaltig beeinflusst. Meine Selbstzweifel und -vorwürfe rühren zu großen Teilen ebenfalls aus dieser Richtung. Auch wenn ich mich dafür hasse, hat die betreffende Person immer noch einen Einfluss auf mein heutiges Leben. (Übrigens prima sich an dieser Stelle für etwas selbst zu hassen, wofür man nix kann.)

Seit meiner Diagnose Depression arbeite ich also an meinem Verantwortungsgefühl, meiner Schuld und meiner Abgrenzung. Es fängt schon damit an, dass ich mich für die Stimmung anderer Menschen verantwortlich fühle (egal, ob ich dafür was kann oder nicht). Dann, dass ich mich dafür verantwortlich fühle, wenn irgendetwas schief geht (egal, ob ich dafür was kann oder nicht). Und natürlich muss ich etwas tun, um das Leid/das Schiefgehen/das Wasauchimmer zu ändern. Wenn ich nichts tue, dann schaue ich ja zu bzw. weg und das möchte ich nicht, weil ich ja etwas tun könnte, um die Situation zu ändern. Ich möchte schließlich nicht so ignorant sein und jemandem nicht helfen, der doch Hilfe braucht (wie sich dies schon in Bezug auf eine hilflose Katze äußern kann, habe ich hier beschrieben). Klingt nun schon etwas komplizierter, aber immer noch irgendwie logisch, oder?!

Mit meinen Mitmenschen klappt das mittlerweile echt richtig gut. Ich kann akzeptieren, dass jemand einfach schlechte Laune hat, dass das nichts mit mir zu tun hat und dass ich demjenigen zwar Hilfe/ein offenes Ohr anbieten kann, aber derjenige für seine Laune schon noch selbst verantwortlich ist. Genauso bei vielen anderen alltäglichen Situationen: hier habe ich gelernt meine Hilfe zwar weiterhin anzubieten, mich aber auch soweit abzugrenzen, dass ich mich nicht mehr (zu sehr) verantworlich fühle. Ein sehr hilfsbereiter Mensch bin ich nach wie vor, doch ich unterscheide, wem ich wie viel Hilfe anbiete, wie meine eigenen Ressourcen gerade aussehen und ich übernehme (so gut wie) nur noch für mein eigenes Handeln und Empfinden die Verantwortung.

Bei mir nahestehenden Menschen ist das noch schwieriger. Bei Freunden und Familie gerate ich manchmal und in letzter Zeit auch wieder häufiger in alte Verhaltensmuster hinein. Längere Zeit ging es echt vorwärts und ich lernte mich immer besser abzugrenzen. Doch derzeit mache ich Rückschritte. Ich fühle mich wieder schuldig, wenn es jemand anderem schlecht geht bzw. seine Situation gerade echt scheiße ist. Ich möchte helfen, weil ich mich verantwortlich fühle. Und ich fühle mich schuldig, wenn ich an der betreffenden Situation nichts ändere(n kann).

Dabei kommen in meinem Kopf eine Menge Gedanken zusammen. Die Sorge um den Gegenüber. Die Gedanken darüber, wie ich etwas an der auslösenden Situation des Gegenüber ändern kann und wie ich ihn unterstützen und helfen kann. Die direkt damit verknüpften Gefühle: Verantwortung, Schuld, aber auch Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Überforderung, Angst. Als es mir 2013 mit meiner Depression richtig scheiße ging, musste ich zwangsläufig alle Verantwortung abgeben. Ich war unfähig die Verantwortung für jemand anderen zu tragen, weil ich mit meiner Verantwortung für mich selbst zeitweise überfordert war. Hierzu zählte z. B. auch, dass ich nach 12 Jahren die gesetzliche Betreuung für meine körperbehinderte Zwillingsschwester abgeben musste. Damals (und zeitweise bis heute, wenn auch schon sehr abgeschwächt) fühlte es sich so an, als wenn ich sie im Stich lasse und komplett versage. Ich fühlte mich so hilflos und ausgeliefert, obwohl ich doch gar nicht mehr anders konnte. Während ich selbst um mein (Über-)Leben kämpfte, war mir die Verantwortung viel zu viel geworden. Doch ich fühlte mich lange Jahre meines Lebens einer Lebenssituation ausgeliefert, die ich aufgrund meines Kinderalters nicht ändern konnte. Diese Hilflosigkeit und dieses Ausgeliefertsein wollte ich nie wieder fühlen. Ich wollte nie wieder mitansehen müssen, wie andere mir nahestehende Menschen, die in der gleichen Situation steckten, ebenfalls litten und nichts ändern konnten. Ich wollte nicht weiter zusehen müssen, ohne einschreiten zu können. Ich wollte aktiv mein Leben gestalten und anderen helfen, wenn ich helfen kann. Und das plötzlich nicht mehr zu können, weil mich die Depression in ein rabenschwarzes und bodenloses Loch geworfen hatte, das fühlte sich für mich exakt so hilflos an, wie ich mich als Kind gefühlt hatte.

Das tiefste Tief meiner Depression ist ja nun einige Jahre her. Sollte es mir nicht allmählich besser gelingen? Besser mit mir und meiner Depression umzugehen? Besser mit der Abgrenzung? Besser mit dem Verantwortlich- und Schuldigfühlen? Ich habe so viele kleine und große Schritte in die richtige Richtung gemacht, dass ich doch allmählich wieder belastbarer sein sollte.

Sollte. Sagt man Kopf, der mal wieder in Selbstzweifel und -vorwürfe verfällt. Der mir einredet, dass ich schwach bin, eine Versagerin und sowieso viel zu egoistisch, weil ich mich nach wie vor zu wenig um die Belange anderer Menschen kümmere. (Dass ich mich viel mehr um mich selbst als um andere kümmere, wagt mein Kopf noch nicht zu sagen, weil er weiß, dass ich ihm das bei weitem noch nicht glauben würde, weil ich davon noch ein großes Stück entfernt bin.) Doch ist das wirklich mein rationaler Kopf, der da zu mir spricht? Oder ist es viel eher die Depression, gepaart mir uralten und sehr ungesunden Glaubenssätzen? Sind es nicht vielleicht auch die ganzen alten Gefühle, die laut um Gehör schreien, weil sie einfach so lange Teil meines Lebens waren? Zulange habe ich erlebt und gelebt, dass ich mich und meine Bedürfnisse denen von anderen Menschen unterordnen muss. Dass ich minderwertig bin und alle andere über mir stehen. Dass ich fett, dumm und hässlich bin und mich sowieso besser gleich umbringen sollte. Vom Kopf her (ja, der rationale Teil) weiß ich, wer mir diese Sätze eingetrichtert hat und dass das nicht stimmt. Doch meine Gefühle sagen zur Zeit etwas deutlich anderes.

Momentan kann ich nicht mehr tun, als das zu akzeptieren. Während meiner Verhaltenstherapie habe ich gelernt, dass das Schuldgefühl schon so lange ein so großer Bestandteil meines Lebens ist, dass es wahrscheinlich noch sehr lange, wenn nicht für immer bei mir bleiben wird. Ich kann lernen, es zu akzeptieren. Genauso, wie ich lernen kann, dass ich für nichts und niemanden außer mich selbst verantwortlich bin. Im nächsten Schritt kann ich so lernen mich abzugrenzen und bei mir und meinen Bedürfnissen zu bleiben.

Vom Kopf her weiß ich das. Und in den letzten Jahren habe ich hier bereits viel akzeptiert, gelernt, umgesetzt und wieder akzeptiert. So alte Gefühle können mitunter echt hartnäckig sein und sich dabei genauso scheiße anfühlen, wie sie das schon seit 30 Jahren tun. Doch es wird besser mit der Zeit. Akzeptanz hilft mir sehr, weil ich dann nicht mit aller Macht versuche, die Gefühle wegzudrücken oder zu verdrängen. Sie sind eh da, also kann ich sie mir auch in Ruhe ansehen, hineinfühlen und sie akzeptieren. Gleichzeitig spüre ich nach und nach aber auch andere Gefühle. Denn durch das Akzeptieren nehme ich die Gefühle an und spare mir die Energie ein, die ich zum Verdrängen bräuchte. Mit der nun freiwerdenden Kraftkapazität wird auch mein Kopf freier, mein Herz nach und nach leichter und ich atme wieder befreiter.

Das habe ich so in den letzten Jahren erlebt. Doch jetzt gerade habe ich einen Rückschritt gemacht. Ich sitze fest in meinen alten Verantwortungs- und Schuldgefühlen. Die Auslöser habe ich definieren können. Sie sind mir bewusst und ich kann sie benennen. Doch das Akzeptieren fällt mir gerade sehr schwer, weil ich mich so hilflos dabei fühle. Es geht Menschen in meinem nahen Umfeld nicht gut und das mit anzusehen und nichts daran zu ändern, fällt mir sehr sehr schwer. Gerade, wenn meine Zwillingsschwester in einer Situation steckt, wo sie nicht alleine herauskommt, fällt mir die Abgrenzung massiv schwer. Sie ist natürlich für sich selbst verantwortlich. Aber aufgrund ihrer Körperbehinderung und ihres "Nichtsprechens" bzw. unterstützt kommunizierens wird sie häufig ignoriert, andere Menschen fällen Entscheidungen über ihren Kopf hinweg und gerade, wenn es in pflegerischen/assistenzdienstleisterischen Bereichen schief läuft, dann läuft es richtig schief. Sie kann (!) dann wirklich (!) nichts daran ändern, wenn ihr niemand Außenstehendes hilft.

Und hier hänge ich gerade fest. Ich spüre die alten Verhaltensmuster, dass ich eingreifen muss, möchte. Doch gleichzeitig kommen Erinnerungen an vergangene Szenen hoch, wo ich eingegriffen habe, aber aufgrund äußerer Umstände nichts ändern konnte. Wo ich mich hilflos, überfordert und in die Ecke gedrängt fühlte. Pflegeeinrichtungen und Assistenzdienstleister können hier einen großen Druck aufbauen, weil es einfach nicht genügend alternative Anbieter gibt, wo meine Schwester mit ihrer reinen, dafür aber sehr umfassenden körperlichen Behinderungen leben könnte, und die Einrichtungen zu wenig von Kostenträgern oder sonstigen äußeren Stellen überwacht werden. Wer glaubt schon einem behinderten Menschen oder deren Angehörigen, wenn doch eine große Einrichtung nach außen hin so vorbildlich arbeitet? (Dass ich meine Depressionen nicht daher habe, dass meine Schwester behindert ist, habe ich hier schon einmal beschrieben.)

Vom rationalen Kopf her weiß ich, dass ich mich zuallerst um mich selbst kümmern muss. Dass ich auf mich und meine Bedürfnisse achten muss, um nicht wieder so tief wie damals in die Depression zu rutschen. Doch meine Gefühle und meine Gedanken sagen mir zur Zeit etwas anderes. Ich versuche sie anzunehmen und zu akzeptieren. Doch dieser Rückschritt belastet mich, genauso wie mich die derzeitigen äußeren Umstände bei mir nahestehenden Menschen belasten. Ich sehe das Leiden der anderen und bin hilflos. Die Abgrenzung fällt mir gerade schwer.

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Doch ich bleibe dran. Ich habe gelernt, dass ich anderen Menschen nur helfen kann, wenn ich zuerst mir selbst helfe. Meine Depression wird mich noch einige Jahre meines Lebens begleiten. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder die Kraft und die Ausdauer haben werde, die ich mal hatte. (Hatte ich sie wirklich? Oder habe ich mich damals nur einfach selbst so weit hinten angestellt, dass ich für die Belange anderer Menschen so viel Energie übrig hatte?) Doch ich möchte die Abgrenzung lernen. Ich möchte sie zu einem festen Bestandteil meiner Gedanken, meiner Emotionen und meiner Glaubenssätze machen. Die Depression passt auf, dass ich mich aus Versehen nicht wieder selbst vergesse. Denn, falls ich das tue, wird sie stärker und wirft mich zur Not zu Boden oder auch in ein sehr tiefes sehr schwarzes Loch. Die Methode ist zwar ziemlich holzhammermäßig, aber effektiv. (Wer mit diesen Worten gerade nichts anfangen kann, dem lege ich meinen Dankesbrief an meine Depression ans Herz.)

1 Kommentar:

  1. Du bist oft eine viel größere Hilfe, als du vielleicht denkst. Allein schon, weil du eine großartige Zuhörerin bist und dir gut Dinge merken kannst, die dein Gegenüber erwähnt. Manche Probleme müssen gar nicht gelöst werden, es reicht schon, wenn man mal darüber spricht.

    Und ich bin wirklich auch immer der Meinung: eigenes Leben als erstes, dann die anderen. Ich kann die Welt nur retten, wenn ich selbst die Kraft dazu habe. Und wie beim Unfall: niemanden retten, wenn man dabei sein eigenes Leben riskiert. Klingt hart, ist aber absolut zwingend.

    Du bist gut so wie du bist. Genauso. Basta! :-)

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