Donnerstag, 21. Dezember 2017

Therapeutensuche - eine unfassbare Geschichte und ihre Konsequenzen

Ihr Lieben,

heute kommt etwas, das so gar nicht weihnachtlich und besinnlich ist. Doch die Geschichte macht mich fassungslos und wütend, seit ich das erste Mal bei Mrs. Piieep von ihrer derzeitigen Situation gelesen habe.

Ich "kenne" Mrs. Piieep nun schon seit einigen Monaten über Instagram. Dort berichtet sie über ihre psychische Erkrankung, ihre Klinikaufenthalte und vor allem auch über ihr ganz normales Alltagsleben.
Mrs Piieep Therapeutensuche Therapie Therapiewechsel Therapeut PTBS Depression
Bildrechte: Mrs. Piieep

Doch wer jetzt denkt, es ist alles grau und schwarz, der liegt falsch. Mrs. Piieep berichtet natürlich auch über die tiefen Abgründe, die sich immer wieder auftun (ohne jedoch zu sehr ins Negative zu kommen, wie es bei manchen Accounts von Menschen mit psychischen Erkrankungen der Fall ist). Sie nimmt uns mit zu ihren Katzen, ihren Spaziergängen und Hunde-Sittingrunden und zeigt, was sie Kreatives gemacht hat. Ihr Account strahlt für mich sehr viel Energie, Mut und (Über-)Lebenswillen aus. Anfang des Jahres hatte sie sehr ausgeprägte Suizidgedanken. Gerade noch rechtzeitig hat sie sich an ihre Therapeutin gewand und sich so Hilfe gesucht. Doch umso schockierter war ich, als ich letzte Woche bei ihr las, dass sie einige Tage vorher bei ihrer Therapeutin war und dieser Termin ihr mal eben alles über den Haufen geworfen hat: eigentlich steht Mrs. Piieep kurz vor einer erneuten Einweisung in die Klinik, doch die Therapeutin hat sie mit dem plötzlich nahen Therapieende konfrontiert, Dinge geäußert und ein Verhalten an den Tag gelegt, das niemand von seiner Therapeutin erwarten kann.

Deshalb schrieb ich Mrs. Piieep an und fragte, ob sie über diesen für mich so unfassbaren Vorfall und die daraus entstehenden Konsequenzen für sie hier auf meinem Blog erzählen möchte. Und so entstand die Idee eines Interviews, in dem es genau darum geht:


Liebe Mrs. Piieep! Über Instagram habe ich in der letzten Zeit mitverfolgt, wie sich bei dir einige Dinge ereigneten, die ich mir so nicht hätte vorstellen können. Deine Therapeutin hat dich in einer Sitzung mit ihren Worten sehr überrascht und enttäuscht. Magst du uns hiervon etwas erzählen? 

Ja, sehr gerne würde ich darüber berichten. Es war ein Freitag und die letzte Zeit hatte ich sehr unregelmäßig Therapiesitzungen. Somit konnte es gut sein dass ich gute 3 bis 4 Wochen Pausen zwischen den Sitzungen hatte. An dem besagten Freitag hatte ich aber meinen letzten Termin bevor meine Therapeutin ca. 4 Wochen Urlaub hatte. Da es mir die letzte Zeit immer schlechter ging und die unregelmäßigen Therapiesitzungen ihren Teil dazu bei trugen, bereitete ich mich auf diese Sitzung vor. Indem ich zum einen ein Thema bzw. einen Flashback aufschrieb, worüber ich dringend vor diesen 4 Wochen Therapie freier Zeit und den Weihnachtsfeiertagen reden wollte, da mich dieses Thema sehr belastete. Und zum anderen war mein Plan anzusprechen, dass diese Unregelmäßigkeit in den Therapieterminen für mich momentan nicht tragbar ist und ich mir wünschen würde regelmäßiger kommen zu dürfen.

Doch mein Plan wurde sehr schnell über den Haufen geworfen. Ich betrat das Behandlungszimmer und anstatt zu fragen, wie es mir geht und wie ich die letzten Wochen verbracht (oder in meinen momentanen Fall) überstanden habe, legte sie einen Brief meiner Krankenkasse auf den Tisch. Sie berichtete mir, dass die Krankenkasse über meine momentane Situation erfahren möchte und darüber ob ich dazu in der Lage bin zu arbeiten. Ich war irritiert und fragte meine Therapeutin, wieso die Krankenkasse so etwas mitten in einer Therapie wissen möchte und nicht dann, wenn sie sich dem Ende zuneigt. Darauf sagte meine Therapeutin absolut gelassen, dass die Therapie ja in 4 Sitzungen beendet wäre. Das war der Zeitpunkt in dem mir die Tränen in die Augen schossen. Ich schaute sie ängstlich an und musste mich mehrmals räuspern bis ich wieder eine Stimme hatte und etwas dazu sagen konnte. Meine Therapeutin berichtete mir, dass in 4 Sitzungen meine Kurzzeittherapie beendet wäre und sie es ablehnt eine Verlängerung zu beantragen. Dies würde jedoch keineswegs daran liegen, dass ich die nicht absolut nötig hätte. Nein, sie wäre der festen Überzeugung, dass ich definitiv noch weitere Therapiesitzungen benötige. Jedoch müsse sie um eine Langzeittherapie zu beantragen einen Bericht verfassen für den sie nach ihrer Aussage zu wenig honoriert wird und dann würde diesen jemand vom MDK (Medizinischen Dienst der Krankenkassen) lesen und über  mich und sie urteilen ohne uns zu kennen. Und diesen Antrag dann selbstverständlich ablehnen, weil alle Mitarbeiter des MDKs darauf gedrillt wären alles ab zu lehnen. Desweiteren sagte sie, ich zitiere: „Ich müsste Sie schon verdammt lieb haben, um eine Verlängerung für Sie zu beantragen. Indem ich nur Kurzeittherapien anbiete, verdiene ich mehr Geld.". Jetzt war es so weit, ich saß dort wie ein Häufchen elend. Ich, die am Anfang des Jahres vor lauter Hoffnungslosigkeit suizidgefährdet war, soll in 4 Sitzungen ohne Therapieplatz dastehen und das, obwohl es mir alles andere als gut geht. Ich fing an sie anzuflehen bitte zu verlängern und überlegte irgendwie Geld aufzutreiben, das ich ihr geben könnte, da ihr die Arbeit des Berichtsschreiben ja zu wenig Geld einbringen würde. Jedoch sagte ich ihr nichts davon, dass ich überlegte ihr Geld, das ich nicht habe, anzubieten. Sie sagte mir, ich solle mir einen anderen Therapeuten suchen und nannte mir einige Anhaltspunkte, an die ich mich halten solle. Ich verließ also am 08.12.17, kurz vor Weihnachten, die Räumlichkeiten meiner Therapeutin und war so hoffnungslos und auswegslos wie schon lange nicht mehr, da meine Therapeutin mir ja weiß machen wollte, dass die Krankenkasse die Böse ist und ich jetzt einen Weg finden müsse die Krankenkasse „austricksen zu können“, damit ich einen neuen Theraieplatz bekomme. Denn eigentlich hätte ich ja jetzt 2 Jahre Sperrfrist. Das heißt, ich müsste 2 Jahre Therapiepause machen, da meine Therapeutin ja ablehnte einen Verlängerungsantrag zu stellen.


Mrs Piieep Therapeutensuche Therapie Therapiewechsel Therapeut PTBS Depression
Bildrechte: Mrs. Piieep
 
Wie lange warst du bisher bei ihr in Therapie? Welche Art der Therapie bietet sie an? 

Ich habe im Jahr 2013 meine 1. Verhaltenstherapie aufgrund von Depressionen bei ihr begonnen. Diese dauerte 24 oder 25 Sitzungen. Danach ging es mir viel besser, ich nahm 40 kg ab, begann eine neue Ausbildung und heiratete. Im Frühjahr 2016 begannen meine Flashbacks. Ich meldete mich bei meiner Therapeutin, denn sie versicherte mir, dass ich mich jeder Zeit bei ihr melden könne und ich dann terminlich bevorzugt behandelt werde, da ich ja bereits eine Therapie bei ihr abgeschlossen habe. Ich erzählte ihr also bei dem 1. Termin über die Flashbacks und bekam recht zügig von meiner Psychiaterin die Diagnose PTBS (Posttraumathische Belastungsstörung). Meine Therapeutin versicherte mir, dass sie zwar kein Zertifikat bezüglich Traumatherapie habe, diese aber absolut mit mir durchführen könne. Also begann ich im Herbst 2016 meine ambulante Traumatherapie, da ich vom Frühjahr bis Herbst warten musste um die 2 Jahre Sperrfrist zwischen 2 Therapien einzuhalten.

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Wie war euer Verhältnis bisher zueinander? Hast du dich dort sicher und verstanden gefühlt? 

Unser Verhältnis würde ich als sehr vertraut beschreiben. Ich habe ihr alles, was mir in meinem Leben angetan wurde, erzählt. Die intimsten Dinge, die größten Sorgen, wenn mich Menschen (auch enge Verwandte) nach einer guten Therapeutin fragten, dann sagte ich immer ihren Namen. Als ich dann im Frühling 2017 akute Suizidgedanken bis hin zu Suizidplänen hatte, war sie die Person der ich nach meinem Mann davon erzählt habe und um Hilfe bat. Meiner Psychiaterin habe ich davon nicht erzählt. Ich habe die  Handynummer meiner Therapeutin bekommen über die ich mich jeder Zeit melden sollte, falls akute Suizidalität besteht. Doch sie bat mich mit meiner Psychiaterin auch darüber zu sprechen und ich tat es und kam so im April 2017 in die psychiatrische Klinik. Von dort aus hielt ich meine Therapeutin auf dem laufenden. Ich meldete mich regelmäßig bei ihr. Ich habe ihr ja versprochen mich nicht umzubringen und zu kämpfen und davon habe ich ihr berichtet. Als ich von der Psychiatrie in die psychosomatische Klinik kam um dort Traumatherapie zu machen und meine entwickelte Essstörung zu behandeln, rief ich meine Therapeutin an. Sowohl die Ärzte aus der Psychiatrie, als auch die Ärzte aus der Psychosomatik rieten mir nach meinem viermonatigem Klinikaufenthalt eine ambulante Langzeit-Traumatherapie zu machen. Also fragte ich meine Therapeutin am Telefon, ob sie bereit wäre dies zu tun. Sie antwortete mit "Ja". Sie sagte, wir würden dann rechtzeitig den Antrag zur Verlängerung meiner derzeitig noch laufenden Kurzzeittherapie stellen. Ich solle mir keine Gedanken machen, wir bekämen das alles hin. Ich vertraue nicht vielen Menschen, aber ihr habe ich absolut vertraut.

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Bildrechte: Mrs. Piieep

Wie fühlte sich ihr Verhalten in der letzten Therapiesitzung dir gegenüber an? Wie fühltest du dich in den Tagen danach?

In dem Moment, als sie mir sagte, sie würde die Therapie nicht verlängern aufgrund der Gründe, die ich ja bereits beschrieb, zweifelte ich an den Krankenkassen, an dem deutschen System mit psychischkranken Menschen umzugehen. Ich war völlig verzweifelt und die massive Hoffnungslosigkeit, die mich Anfang des Jahres ja bereits zu Suizidgedanken führte, kam wieder. Ich dachte, ich muss jetzt 2 Jahre warten. Warten mit den Symptomen meiner Erkrankung, die ich kaum noch ertragen kann. Mit Flashbacks, kaum Gerüche oder Berührungen ertragen können bis hin zur Isolation der Außenwelt aufgrund von großer, großer Angst und keinem Vertrauen in die Menschheit. Das wäre mein Untergang gewesen.. dachte ich.

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Bildrechte: Mrs. Piieep

Du hast in einem deiner IG-Beiträge geschrieben, dass du kurz vor dieser besagten Therapiesitzung bei deiner Psychaterin warst und ihr euch gemeinsam zu einer erneuten Einweisung in die Psychatrie bzw. Traumaklinik entschieden habt. Wie hat deine Therapeutin hierauf reagiert und hat sie irgendwie begründet, dass sie in genau einer solche Phase mit ihrer ablehnenden Haltung die Therapie quasi beendet? 

Genau, ich unterbrach meine Therapeutin sogar bei ihrer Rede über böse Krankenkassen um ihr davon zu berichten. Denn wie ich ja oben beschrieben habe, fragte sie mich ja an diesem besagtem Tag nichtmal wie es mir geht. Also erzählte ich ihr, dass ich die langen Pausen zwischen 2 Sitzungen, die 3 bis 4 Wochen andauerten, nicht tragen könnte. (Das ist erst seit einigen Monaten so. Vorher hatte ich einmal wöchentlich Therapie, doch mit der Zeit hatte sie keine Therapiestunden mehr für mich frei oder sagte einen Termin ab und bis zum nächsten waren lange Wartezeiten. Ich versuchte schon immer recht lange zu planen, so dass meine Termine gesichert waren, doch auch dann hatte ich sehr oft Pech und musste lange bis zum nächsten Termin warten.) Dass meine Flashbacks so massiv geworden sind, dass ich mich teilweise 2 Stunden lang nicht mehr bewegen kann und wie eingefroren da sitze oder liege. Ich berichtete ihr, dass meine Medikamente, die in der psychosomatischen Klinik so schön reduziert werden konnten, wieder erhöht wurden und ich erneut Bedarfsmedikation (zur Beruhigung) nehmen muss, weil ich den Zustand sonst nicht ertragen kann. Sie wirkte darauf völlig gelassen. Ja, ein Klinikaufenthalt wäre sehr sinnvoll und ich solle unbedingt versuchen die „Lücken“, die die Krankenkasse in ihrer „Planung, keine Therapien zu bewilligen“ gelassen hat auszunutzen. Sie gab mir Tipps, z. B. die Therapieform zu wechseln oder mal in einer psychiatrischen Institutsambulanz zu fragen, ob sie mich therapieren würden. Jedoch sagte sie mir gleich, dass die Wartezeiten von 6 Monaten bis hin zu einem Jahr andauern würden und, dass das ein harter Kampf wäre. Ich ja aber eine Kämpferin wäre und ich das schon schaffen würde.

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Bildrechte: Mrs. Piieep

Was hast du in der Woche nach der besagten Sitzung herausgefunden? Wie kann es für dich weitergehen? Welche Möglichkeiten hast du, um weiterhin in therapeutischer Begleitung zu sein? Ist dies überhaupt nahtlos möglich, nachdem deine Therapeutin quasi von jetzt auf gleich die Therapie beendet hat? Wer hat dir hierbei Auskunft geben / dir weiterhelfen können? 

Nach dem besagten Freitag steckte ich für einen Moment den Kopf in den Sand und erklärte die Lage für sussichtslos. Mein Mann, der meine größte Stütze ist, erzählte unserem Trauzeugen von unserem Dilemma. Mit der Mutter unseres Trauzeugen gehe ich jetzt seit einigen Monaten einmal wöchentlich (wenn ich es schaffe dorthin zu kommen) töpfern. Die besagte Mutter bekam das Telefonat zwischen ihrem Sohn und meinem Mann mit und nach etwa einer Stunde klingelte bei mir das Telefon. Sie gab mir eine Nummer von einem Sohn einer Mittöpferin, der Therapeut ist, und riet mir mich bei diesem zu melden. Jetzt begann die Zeit des Diskutierens und darüber Sprechens: mit meinem Mann, mit unserem Trauzeugen, mit seiner Mutter und so langsam bemerkte ich die Ungerechtigkeit, die vorher noch von einem großen Schleier der Verzweiflung bedeckt war. Und wenn ich eines nicht ausstehen kann, dann ist es Ungerechtigkeit. Bis jetzt habe eher immer für andere gekämpft habe und für mich selbst nur, wenn es um mein Überleben ging. Aber im Grunde genommen ist auch das jetzt ein Kampf ums Überleben. Denn das was mir sonst blüht, wenn ich keine Hilfe bekomme, das kann man nicht Leben nennen. Das ist die Hölle.

Am Wochenende konnte ich natürlich nichts erreichen und das Nichtstun machte mich verrückt. Mir ging es verdammt schlecht. Ich musste viel auf Medarfsmedikation zurückgreifen um das Wochenende zu überstehen. Am Montag schrieb ich eine ausführliche Mail an den Therapeuten, der mir genannt wurde. (Diese Geste, dass die Mutter unseres Trauzeugen sich Gedanken um mich gemacht hat und gleich rum telefoniert hat, das hat mir Hoffnung gegeben. Hoffnung in die Menschheit. Dass es auch Menschen gibt, die über den Tellerrand schauen.) Mehr konnte ich am Montag nicht tun. Ich wollte erst mit meiner Psychiaterin über die Situation sprechen um von ihr eine zweite Meinung zu bekommen.

Am Dienstag hatte ich also einen Termin bei meiner Psychiaterin. Als ich ihr von der Situation mit meiner Therapeutin berichtete, war sie fassungslos. Sie wurde wirklich laut vor Empörung und machte mir deutlich, dass sie so nicht mit mir umzugehen hat. Sie riet mir mich an die Krankenkasse zu wenden und versicherte mir, dass sie, die Ärzte aus der Psychiatrie sowie die Ärzte aus der Psychosomatik der festen Überzeugung einer Langzeittherapie sind und der MDK sowie die Krankenkasse gar nicht ablehnen könnten. Desweiteren riet sie mir weiter nach Therapeuten zu suchen. Obwohl es mir wirklich schlecht ging und geht war mein Kampfgeist jetzt noch mehr geweckt und ich rief, als ich zuhause, war direkt die Krankenkasse an. Dies tat ich am Montag noch nicht, da ich ehrlich gesagt meiner Therapeutin nichts böses wollte. Ich wollte sie nicht „verpfeifen“. Aber das Ganze sah jetzt anders aus. Also rief ich meine Krankenkasse an. Die erste Dame, die ich am Telefon hatte, war mit der Situation überfordert und leitete mich an eine erfahrenere Kollegin weiter. Ihr schilderte ich dann nochmals ausführlich die Situation und diese sagte zu mir, ich zitiere: „Ihre Therapeutin macht jetzt Politik auf Ihrem Rücken. Das kann und darf so nicht passieren.“. Sie versicherte mir, dass in meinem Fall eine Langzeittherapie nicht abgelehnt wird und einem Therapeutenwechsel nichts im Wege steht. Jedoch muss ich die 4 Sitzungen, die bei meiner Therapeutin noch übrig sind, noch beenden. Desweiteren erklärte sie mir, wenn ich eine erneute Verhaltenstherapie mache, dann muss der neue Therapeut nach 5 probatorischen Sitzungen (Probesitzungen)  den besagten Verlängerungsantrag stellen, ohne mich vorher richtig gekannt zu haben. Sprich: die Arbeit meiner Noch-Therapeutin machen. Das erschwert die Therapeutensuche enorm, denn wie ich in den kommenden Tagen erfahren habe, verärgert dieses Verhalten die anderen Therapeuten natürlich und nur als ich ganz viel Charme eingesetzt habe, setzten sie mich trotzdem auf die Wartelisten. Aber dazu komme ich später.

Ich habe die Möglichkeit die Therapieform zu wechseln, also eine Tiefenpsychologische Therapie oder eine Psychoanalytische Therapie zu machen. Jedoch sollte ich aufgrund meiner Diagnosen natürlich Traumatherapie machen, was meine Suche wiederum erschwert. Denn Therapeuten, die wirklich auf Traumatherapie spezialisiert sind bzw. am besten noch gewisse Techniken der Traumabewältigung beherrschen, gibt es bei weitem nicht wie Sand am Meer.

Zur Erklärung: egal, ob Verhaltenstherapeut, Psychoanalytiker oder Tiefenpsychologe, jeder davon kann sich auf Traumatherapie spezialisieren. Nur nicht jeder bzw. eher wenige haben diese Spezialisierung, die ich benötige.

Da ich einen wundervollen Ehemann habe, bekam ich in den nächsten Tagen viel Hilfe. Er erstellte mir eine Tabelle mit Therapeuten und Spalten, die wir dann gemeinsam ausfüllten. Auf meiner Liste sind bis jetzt ca. 70 Therapeuten. Bei vielen steht im Internet die Spezialisierung, jedoch nicht bei allen. Ich habe bis jetzt ca. 40 abtelefoniert. Das bedeutet 40 mal erzählen, was ich habe. 40 mal die Situation erklären. Ca. 20 mal fragen, ob der- oder diejenige Traumatherapie macht. Ca. 20 mal hören, dass sie generell Traumatherapie machen, aber sich meinen Fall nicht zutrauen. 40 mal hören, was sie von meiner Noch-Therapeutin halten und jedes mal gesagt bekommen: „Die Warteliste beträgt 6 Monate bis 1 Jahr." oder auch „Ich nehme niemanden mehr auf die Warteliste auf." oder auch „Melden Sie sich in 3 Monaten nochmal!".

Ich habe von Mittwoch bis Dienstag täglich mindestens 4 bis 5 Stunden am Telefon gesessen. Danach bin ich weinend zusammengebrochen und musste Bedarf nehmen. Ich stehe jetzt auf einigen Wartelisten. Bei einigen darf ich mich alle 4 bis 8 Wochen melden und rücke dann einen Platz höher. Bei einigen bekomme ich einen Termin zum Kennenlerngespräch, bevor ich auf die Warteliste komme. Das heißt, ich, die große Probleme mit Vertrauen hat, darf vielen Menschen erzählen, wie es mir geht... Wochen lang, Monate lang, Hilfe suchend, bis ein Platz frei wird.

Heute hatte ich meinen ersten Termin, bei einer Tiefenpsychologin, die auf Traumatherapie spezialisiert ist. Ein Probegespräch um zu schauen, ob wir beide es uns vorstellen können zusammen zu arbeiten. Mein Vertrauen ist so missbraucht, dass es dauerte bis ich mich ihr gegenüber öffnen konnte, aber dann war es gut. Jedoch hat sie eine Warteliste von 6 Monaten. Da stehe ich jetzt drauf, aber dennoch heißt es weiter suchen. Nur jetzt so kurz vor den Feiertagen lässt sich nicht mehr viel tun. Im neuen Jahr geht mein Kampf um einen Therapieplatz, um ein gesundes Leben weiter. Ich hatte gestern einen Termin in der Psychosomatischen Klinik, in der ich erneut stationär aufgenommen werden soll. Dort wurde die Notwendigkeit eines erneuten Aufenthaltes bestätigt. Jedoch kann die Wartezeit bis zu 3 Monaten andauern. In der Wartezeit kann ich 1 mal wöchentlich in eine Gruppentherapie kommen, in der auf den Klinikaufenthalt hingearbeitet wird. Jedoch hat diese auch eine Warteliste. Ich werde angerufen, wenn es soweit ist.

Mrs Piieep Therapeutensuche Therapie Therapiewechsel Therapeut PTBS Depression
Bildrechte: Mrs. Piieep

Wie viel Energie hast du noch? Schaffst du es, genügend Kräfte für dich selbst zu mobilisieren, trotz der vielen belastenden Flashbacks und der Unsicherheit bzgl. eines erneuten Aufenthaltes in einer Traumaklinik? Was gibt dir Kraft? Womit schafft dein Mann dir Sicherheit zu geben und dich zu unterstützen? Was tut dir gut? Wie tust du etwas gutes für dich? 

Ich glaube, ich habe den Notfallknopf aktiviert. Ich funktioniere. Ich kämpfe. Aber woher ich die Kraft nehme, weiß ich nicht so genau. Was ich aber ganz genau weiß, ist, dass mein Ehemann die größte Stütze ist, die ich mir vorstellen kann. Er unterstützt mich, wo er kann. Sei es, dass er mich zu Terminen begleitet, mich daran erinnert zu skillen oder Übungen zu machen, die mich stabilisieren sollen. Mir meine Medikamente bringt, wenn ich mich nicht bewegen kann, mich aufmuntert und mir in den Hintern tritt, wenn ich den Antrieb verliere. Meine Tränen trocknet, mir den Haushalt oder das Kochen sehr oft abnimmt. Ich glaube ohne ihn wäre ich jetzt an einem anderen Punkt. Ohne ihn wäre ich jetzt vielleicht auf einer geschlossenen Station. Mein Mann musste sich lange mein Vertrauen erarbeiten und er beweist mir fast jeden Tag aufs Neue, dass ich ihm völlig vertrauen kann. Das letzte Jahr, welches übrigens auch das siebte Jahr unserer Beziehung war (jaja das bekannte verflixte siebte Jahr) war verdammt hart für uns beide. Aber wir reden immer über alles und wir sind immer fair zu einander und ich glaube so können wir auch diese verdammt schwere Zeit gut überstehen.

Was mir aber auch unheimlich viel gibt sind Tiere. Wir haben 2 Katzen, die ich über alles liebe und die mich immer wieder zum lachen bringen. Meine Schwägerin hat einen jungen Bulldoggen-Mischling, den ich regelmäßig zum aufpassen hier habe. Die gemeinsamen Spaziergänge mit ihm geben mir die Selbstständigkeit alleine rauszugehen, denn er nimmt mir ein großes Stück Angst. Leider bin ich momentan kaum in der Lage Freundschaften zu pflegen, aber auf Instagram habe ich die Art von Austausch mit Menschen, die ich zur Zeit zu lassen kann. Ich kann mich mit Gleichgesinnten unterhalten oder mir einfach schöne oder interessante Bilder oder Beiträge anschauen.

Ich habe das Häkeln für mich entdeckt und es ist zu einem meiner wichtigsten Skills geworden. Es kann passieren, dass ich auch bei einem Termin, z. B. bei der Krankenkasse, anfange zu häkeln, denn es beruhigt mich ungemein. Ebenso das Töpfern, auch wenn ich es oft nicht schaffe, dorthin zu kommen, weil ich über eine Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dorthin muss und das zu einer Uhrzeit, wo die Bahnen und Busse sehr voll sind. Aber wenn ich da bin und aus „Matsch“ etwas Schönes forme, dann wird mir bewusst, dass ich mit meiner schrecklichen Vergangenheit vielleicht irgendwann eine schöne Zukunft formen kann. Es benötigt jedoch viel Kraft und Arbeit.

Ich habe gelernt für mich zu sorgen. Es klappt nicht immer, aber ich versuche meine Bedürfnisse zu erfühlen, zu benennen und mir zu erlauben diese zu stillen. Es klingt einfacher als es ist, aber ich arbeite dran, dass es einfacher wird.

Mrs Piieep Therapeutensuche Therapie Therapiewechsel Therapeut PTBS Depression
Bildrechte: Mrs. Piieep

Was wünscht du dir für die deine Zukunft? 

Ich wünsche mir, einen neuen Therapeuten zu finden, mit dem ich meine Vergangenheit aufarbeiten und dann damit abschließen kann. Mit meiner Noch-Therapeutin möchte ich nach reichlichen Überlegungen nach den 4 Sitzungen definitiv nichts mehr zu tun haben. Ich würde mir wünschen, wieder Freundschaften zu lassen zu können und das Gefühl zu bekommen mich auf mich verlassen zu können. Ich glaube dann wird diese große Angst langsam, aber sicher ganz von alleine gehen. Ich möchte ein Leben leben, welches lebenswert ist, mit meinem geliebten Ehemann an meiner Seite. Und dann? Perfekt wäre eine Wohnung mit Garten und endlich einen eigenen Hund und Reisen und im Hier und Jetzt leben zu können.


Was muss sich deiner Meinung nach an unserem System bzgl. psychischen Erkrankungen und deren Behandlungen ändern? Was läuft in deinen Augen gerade noch völlig falsch?

Psychische Krankheiten dürfen kein Tabu-Thema mehr sein. Wir Erkrankten sollten den Mut haben offen mit unserer Erkrankung umzugehen. Und ich würde mir von ganzen Herzen wünschen, dass der Gegenüber offen, tolerant und vielleicht sogar neugierig reagiert. Sehr gerne beantworte ich Fragen über meine Erkrankung, solange sie nicht von oben herab kommen oder mein Empfinden völlig runterspielen.

Desweiteren kann es meiner Meinung nach nicht angehen, dass wir so einen Therapeutenmangel bzw. Therapieplatzmangel haben, dass ich jetzt eventuell 3 bis 6 Monate warten muss um Hilfe zu bekommen. Nicht jeder hat so einen starken Partner an seiner Seite wie ich, der mich so stützt und immer wieder auffängt, wenn ich falle.

Außerdem ist aufgefallen, dass es zig Seiten im Internet gibt, auf denen man nach Therapeuten suchen kann. Es gibt viele Seiten und auf vielen ist nicht genau beschrieben, wer was genau anbietet und ob es von der Krankenkasse getragen wird. Also puzzelt man sich selbst eine Liste mit Therapeuten zusammen. Jeder Therapeut hat von 1 x wöchentlich bis 5 x wöchentlich von 30 min bis 4 Std eine Sprechzeit, bei der man anrufen darf und nach einem Therapieplatz fragen kann. Zu den anderen Zeiten ist er natürlich in Sitzungen. Also macht es die Therapieplatzsuche für den aArbeitenden Menschen fast unmöglich in der Zeit der Suche zu arbeiten. Denn die Sprechzeiten sind meistens vormittags und es reicht nun mal nicht bei einem oder gar 10 Therapeuten anzurufen. Ich würde mir wünschen, dass es eine Plattform gibt, wo JEDER Therapeut gelistet sein muss, mit viel mehr Transparenz. Mit Wartezeiten, mit genauer Spezialisierung und genauer Angabe, wann man sich wo melden kann. Wir sind im Zeitalter der e-mail. Wieso geben die Meisten an, dass man anrufen muss? Würde es uns allen die Sache nicht erleichtern, wenn man auch e- mails schreiben kann? Dann müsste ich meine Geschichte nicht 40 mal erzählen, sondern könnte sie einmal aufschreiben und versenden. Das würde mir viel Kraft sparen. Wenn ich mir jetzt wünschen würde, dass es viel mehr Therapeuten geben sollte und viel mehr Therapieplätze, dann ist das ein absolut gerechtfertigter Wunsch. Jedoch ist er vielleicht nicht so einfach zu lösen, wie eine Plattform zu schaffen, wo es Pflicht ist für jeden Therapeuten sich dort anzumelden und sein „Profil“ auf dem neuesten Stand zu halten. Denn wie oft habe ich mich jetzt bei Therapeuten zu einer Sprechstundenzeit gemeldet, die völlig veraltet war. Oder wie oft musste ich nach der Spezialisierung fragen. Das müsste doch machtbar sein oder? Und würde uns allen Zeit und Nerven sparen.



Liebe Mrs. Piieep, danke für deine Offenheit! Es gehört in meinen Augen viel Mut dazu, einen Instagram-Account so zu füllen, wie du es tust, mit deiner aktuellen Situation so offen umzugehen und darüber so ausführlich zu erzählen. Ich drücke dir für deine weitere Therapeutensuche ganz, ganz fest die Daumen!!!

Und wer jetzt immer noch sagt oder denkt, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen sich einfach mal zusammenreißen sollten oder dass eine psychische Erkrankungen nur ein Zeichen von Schwäche wäre oder dass es doch genügend Therapeuten in Deutschland gäbe, dem kann ich auch nicht mehr helfen. Dass Mrs. Piieep so viel Energie aufbringt sich weiterhin Hilfe zu suchen und dass in einer Zeit, wo es ihr aufgrund der Flashbacks und des aktuell hochkommenden Traumas eh schon schlecht geht, finde ich sehr bewundernswert <3 

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