Erwachsene Geschwister

Meine Zwillingsschwester ist seit unserer Geburt schwerstbehindert und "nichtsprechend" bzw. unterstützt kommunizierend. Durch ihre Tetraplegie sitzt sie im Rollstuhl und hat wenig Kontrolle über ihre Muskelbewegungen.

Mein Leben sieht dadurch etwas anders aus, als es bei anderen Geschwistern der Fall ist.

In den letzten Jahren rücken die Geschwister behinderter Menschen mehr in das Blickfeld der Gesellschaft. Nachdem wir lange Zeit so nebenher mitgelaufen sind und meist funktioniert haben, wird nach und nach ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass wir bereits als Kinder einige andere Erfahrungen gemacht haben als unsere Altersgenossen und als (junge) Erwachsene meist mehr Verantwortung tragen, als es sonst unserem Alter entsprechen würde.

Der Austausch untereinander ist hierbei sehr wichtig, weil es für Außenstehende häufig schwer nachvollziehbar ist, wie das Leben mit einem behinderten Geschwister aussieht. Sascha von "Erwachsene Geschwister" hatte ich hier zum Interview. Mittlerweile finden deutschlandweit Stammtische erwachsener Geschwister statt. Unseren vom Ruhrgebiet habe ich hier vorgestellt.

Angebote für Geschwister sammelt die "Stiftung Familienbande" auf ihrer Seite. Bei der Suche gibt es auch eine extra Kategorie für erwachsene Geschwister :-)

Neben all den Kraft kostenden Augenblicken, die mich in meinem Leben mit meiner Schwester geprägt haben, gibt es auch viele sehr schöne Momente. So feiern wir unseren Geburtstag als Zwillinge natürlich gemeinsam :-) Einen Zwillingsschwesterntag haben wir zusammen in Venlo verbracht. Weihnachten fahren wir mit unserer jüngsten Schwester zu unserer Familie nach Bayern. 2013 haben wir mit der Katze unserer Oma Fotos gemacht. 2014 sah es Weihnachten so bei uns aus. Im Sommer 2014 waren wir gemeinsam mit unserer Mutter zum Camping am Rhein. Und zum Internationalen Tag der Geschwister habe ich 2014 aufgeschrieben, warum ich meine Schwestern mag :-) Und einmal haben wir es sogar bis in die "Freundin" geschafft!

Bis heute macht es mich wütend und sprachlos, wenn uns wildfremde Menschen anglotzen, wenn wir unterwegs sind. Berührungsängste finde ich normal, aber das abwertende und angeekelte Glotzen von Menschen wird mir immer ein Rätsel bleiben. Außerdem habe ich einen anderen Blick auf das Leben mit Behinderung, als es viele Menschen haben, die bisher mit der Thematik keine Berührung hatten.

Immer wieder werde ich darauf angesprochen, dass es ja kein Wunder sei, dass ich Depressionen habe. Das wäre ja normal, wenn man eine behinderte Schwester hat. Meine Meinung dazu findet ihr hier!

Alle Texte rund um uns Schwestern findet ihr hier. Und alle Texte rund um das Thema "Behinderung" findet ihr hier. 

Weil meine Schwestern ein Teil meines Lebens sind und mein Blog von meinem Leben lebt, werdet ihr immer mal wieder Neuigkeiten von uns dreien erfahren :-)

Kommentare:

  1. Hallo Frauke,

    danke für eine Ehrlichkeit.

    Mein Bruder hat Schizophrenie, seit er 19 Jahre alt ist. Wenn Du mich fragst ist er Symptomträger unseres verkorksten Familienbundes. Schon in Kindheitstagen hat er, aus unterschiedlichen Gründen, immer eine besondere Rolle bei meinen Eltern eingenommen.
    Ich merke immer wieder, dass unsere Beziehung von den Rollen, die uns von meinen Eltern zugewiesen wurden und von meinen Erwartungen die er, krankheitsbedingt, nicht erfüllen kann, überschattet wird.

    Damit unser Kontakt einfacher wird wäre es gut ich würde anfangen darüber, warum unser Kontakt so ist wie er ist, mehr nachdenken. Vielleicht können mir Deine Schilderungen der Beziehung zu Deiner Schwester Gedankenanstösse geben.

    Für Deine Ehrlichkeit und die Möglichkeit, die Du mir dadurch gibst, danke ich Dir sehr.

    Viele Grüße
    Andrea

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    1. Hallo Andrea,
      ich danke dir für deine offenen Worte! Ja, bestimmte Rollen, ob "freiwillig" angenommen oder anerzogen, können den Lebensweg entscheidend mit bestimmen und auch zu Krankheiten führen. Auch wenn du weder deine Eltern, noch deinen Bruder ändern bzw. deren Rollen ändern kannst, so kannst du zumindest versuchen selbstbestimmt dein Leben zu führen. Sprich: deine einzelnen Rollen erkennen und schauen, wann du wie wo reagierst, funktionierst, fühlst... Und so ganz langsam erkennen, was du an deinem Verhalten ändern kannst, damit es dir besser geht. Häufig fängt es ja schon an mit Grenzen setzen und für sich selbst einstehen.
      Ich freue mich, dass ich ihr mit meinem Worten einen Gedankenanstoß geben konnte! Für die Zukunft wünsche ich dir genügend Kraft, Energie und Stärke!
      Liebe Grüße, Frauke

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Ich freu mich über jedes liebe Wort von euch :-)