Montag, 5. Februar 2018

Vor 4 Jahren... Von der damaligen Reha, meinen Erwartungen, meinen Erfahrungen und Fortschritten seitdem

Dank Facebook wurde ich vor ein paar Tagen daran erinnert, dass ich vor genau 4 Jahren in der Reha war. Damals hatte ich einige Monate vorher die Diagnose "mittelschwere bis schwere Depression" bekommen. Dementsprechend scheiße ging es mir.

Die Reha stellte für mich einen großen Hoffnungsschimmer dar. Ich wollte endlich wieder nach vorne schauen können, aus dem tiefen Tief heraus kommen und langsam zurück ins Arbeitsleben starten.

Rückblick Reha Depression Fortschritte Rückschritte Waldspaziergang Hund

Während des insgesamt 9-monatigen Krankenscheins hatte ich nicht nur mit der Depression zu kämpfen, sondern hatte aufgrund des Krankengeldbezuges auch weniger Geld auf dem Konto, das aufgrund der verzögerten Zahlungen meiner Krankenkasse auch immer sehr verspätet ankam. Außerdem musste ich dank meiner Krankenkasse einmal monatlich zur Begutachtung zum MDK (medizinischer Dienst der Krankenkassen) um nachzuweisen, dass ich wirklich nicht arbeitsfähig war. Die Termine waren regelmäßig ziemlich erniedrigend, weil die begutachtenden Ärzte jede sich anbietende Fragen stellen konnten. Weil sie innerhalb weniger Minuten monatlich neu festlegten, welche Diagnose denn nun die "richtige" wäre (Ein besonders schlauer Arzt diagnostizierte mir eine "Melancholie". Das fand ich schon fast wieder niedlich, nachdem ich ihm meine vorhandenen Symptome inkl. Suizidgedanken erzählt hatte.) Weil der MDK die Macht hatte zu entscheiden, ob ich weiterhin Krankengeld bekäme oder nicht. Weil sie die Untersuchung kürzer oder länger ausdehnen konnten. (Eine Ärztin untersuchte auch meinen körperlichen Zustand. Im anschließenden Bericht an die Krankenkasse schrieb sie, dass ich allein in der Lage bin mich anzukleiden und sonst auch einen gepflegten Eindruck machen würde. Was in Bezug darauf, ob ich depressiv genug für einen Krankenschein wäre, sehr aussagekräftig ist...) Weil mein Therapeut mir schon sehr zu Anfang erläutert hatte, dass ich im Falle eines entsprechenden Gutachtens von der Krankenkasse kein Krankengeld mehr bekäme und ich dies im schlimmsten Falle nur umgehen könne, wenn ich mich selbst wg. einer massiven Verschlechterung meines Zustandes einliefern lasse. So würde ich dann auch weiterhin Krankengeld bekommen. (Ich habe seine Aussage nie auf den Wahrheitsgehalt hinterfragt. Aber es ist schön, dies immer im Hinterkopf zu haben, während man ja eigentlich damit beschäftigt sein sollte, einen Weg aus dem Tief heraus zu finden.)

[Ich habe die Berichte des MDK übrigens nach jedem Termin schriftlich bei der Krankenkasse angefordert. Als Patientin, die begutachtet wird, hat man das Recht dazu und es ist hilfreich, falls es wirklich mal einen negativen Bescheid der Krankenkasse gibt, weil man so direkt weiß, was im Gutachten dazu steht und man dies im Widerspruch verwenden kann.)

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Als es dann Mitte Januar 2014 zur Rehaklinik in Bad Wildungen los ging, war ich sehr nerös. Die vor mir liegenden 6 Wochen waren die längste Zeitspanne, die ich jemals von Zuhause entfernt war. Die Fremdbestimmung des Tagesrhythmus, das mir unbekannte Zimmer, die wöchentlich wechselnden Wochenpläne und die vielen fremden Menschen, all das war ziemlich viel Neues für mich. Doch ich lebte mich schnell ein und passte mich mehr oder weniger dem Rehaleben an.

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Das erste Mal in meinem Leben musste ich nicht selbst putzen oder kochen. Lediglich das Wäschewaschen blieb. Das Essen schmeckte mir leider bis zum Schluss nicht.

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Ausgerechnet mit meiner Einzeltherapeutin kam ich nicht sonderlich gut klar. Sie war auch diejenige, die mir sagte, dass wir nicht weiterkämen, wenn ich mir nicht eingestehen würde, dass ich Schuld an der Behinderung meiner Zwillingsschwester hätte. Die Gruppentherapie hat mir leider auch nicht viel gebracht. Doch Yoga und Kunsttherapie lernte ich in den 6 Wochen ebenfalls kennen und möchte beides bis heute nicht mehr missen. Dank beidem habe ich einige Fortschritte gemacht. Das Sportprogramm war ganz nett und auch sinnvoll. Es gab Pflicht-Vorträge für alle Patienten, die man besuchen musste, die aber eigentlich nicht wirklich gut oder hilfreich waren. Dafür gab es im Keller ein frei zur Verfügung stehendes Kneipp-Becken, wo man mich regelmäßig finden konnte. Die wöchentlichen Kontrollen von Gewicht und Blutdruck standen morgens direkt nach dem Aufstehen an. Oh Wunder, mein Blutdruck ist um 6:30 Uhr im Keller. Die Ärzte legten mir nahe, deshalb ein Blutdruckmedikament zu nehmen. Ich habe mehrmals dankend abgelehnt und lieber meinen morgendlichen Kaffee getrunken um so meinen Blutdruck anzuheben. Die PC-gesteuerten Auswertungstests waren nicht immer sonderlich aussagekräftig, wurden von meiner Einzeltherapeutin aber so ausgelegt.

Ihr merkt, ich bin rückblickend ziemlich zwiegespalten, was mir die Reha gebracht hat. Damals war ich einfach froh, dass ich für einige Zeit aus meiner gewohnten Umgebung raus war und sah es als nächsten Schritt hin zu einem geregelten und gesünderen Alltag. Doch die Therapien waren nicht wirklich passend für mich und dass ich in Bezug auf die nichtpassende Einzeltherapeutin keine Wahl hatte, war auch ziemlich blöd. Alles in allem war die Zeit richtig und wichtig. Doch ich denke im Nachhinein und nachdem ich mich mit anderen Leute über ihre Rehas oder Tageskliniken ausgetauscht habe, dass es auch noch wesentlich besser hätte laufen können. Es lief bei mir nicht wirklich schlecht, aber in einer anderen Einrichtung hätte ich vielleicht andere, weitere Fortschritte machen können. Doch ändern kann ich es eh nicht mehr und alles ist für irgendwas gut.

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Ich habe mir vorhin meine damaligen Blogposts aus der Reha angesehen (Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV, Teil V, meine Rückkehr nach Hause). Gefühlt ist es eine Ewigkeit her. So viel ist seitdem passiert. Es gab noch ein paar Tiefs. Ich habe von der tiefenpsychologischen Psychotherapie auf eine Verhaltenstherapie gewechselt und hier enorme Fortschritte erzielt. 2015 habe ich über mehrere Monate schleichend mein Antidepressivum abgesetzt. Das Absetzen war nicht ganz unproblematisch, doch es war der richtige Zeitpunkt dafür gekommen. Ich habe mich weiterhin sehr stark hinterfragt, mein Verhalten und meine Emotionen reflektiert und doch bin ich immer noch nicht am Ziel angelangt. Nach wie vor spüre ich die Auswirkungen der Depression in meinem Alltag. Allein von 2016 zu 2017 gibt es hier große Unterschiede für mich. Ich habe rückblickend sehr große Fortschritte gemacht, die ich am Ende der Reha nicht einmal erahnen konnte. Mittlerweile bin ich an etwa 95 % der Tage ziemlich stabil und fast symptomfrei. Aber ich habe immer wieder Momente, wo ich aufpassen muss, nicht in alte Verhaltensmuster reinzurutschen.

Gerade einmal monatlich habe ich dank starker PMS das Gefühl, meine Depression wird stärker und es fühlt sich tageweise nach einem Tief an. Hier suche ich noch nach einem passenden, hormonfreien Lösungsweg.

Im Laufe der Zeit habe ich für mich herausgefunden, wie ich meinen Körper parallel zu meiner Psyche unterstützen kann, die Depression fern zu halten. (Hierzu kommt noch ein separater Blogpost!)

Mittlerweile habe ich verstanden, dass die Depression immer dann stärker wird, wenn ich mich selbst aus den Augen verliere und mehr auf die Wünsche/Bedürfnisse von Anderen, anstatt auf meine eigenen achte.

In den letzten Monaten und Jahren hat sich in meinem Leben viel getan. Alleine durch das Bloggen habe ich einige Menschen kennengelernt, die mittlerweile ein fester Bestandteil meines Lebens sind. Außerdem hilft mir das Schreiben enorm um mich und meine Krankheit zu verstehen. Ich komme in Kontakt zu anderen an Depressionen erkrankten Menschen und kann mich mit ihnen austauschen. Durch verschiedene Interviewanfragen habe ich die Möglichkeit meinen Anteil an der Aufklärungsarbeit in Bezug auf psychische Erkrankungen beizusteuern.

Für meinen Onlineshop von "Fräuleins wunderbare Welt" entwerfe ich Ich-darf-Karten, Postkarten, Bleistifte, Drucke und einen Kalender. So können sich andere Menschen mit meinen Produkten ihren Alltag etwas schöner machen. Denn häufig sind es die kleinen Dinge, die uns glücklich machen und unseren Alltag bereichern!

Meine Mina hatte ich vor 4 Jahren bereits kennengelernt. In der Woche nach meiner Reha ist sie bei mir eingezogen. Die tolle kleine Maus bereichert mein Leben sehr. Sie ist ziemlich geduldig, wenn ich es mal wieder nicht bin. Sie lenkt mein Augenmerk auf die kleinen Dinge am Wegesrand, wenn ich mal wieder zu hektisch werde. Außerdem ist sie an meiner Seite, wenn mir die Gesellschaft anderer Menschen zu viel wird.

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In den letzten 4 Jahren hat sich eine Menge bei mir getan. Auch wenn ich schon sehr weit gekommen bin, weiß ich, dass ich noch einige Themen habe, an denen ich arbeiten muss/möchte. Diese gehe ich nach und nach an.

Ich bin gespannt, wo ich heute in 4 Jahren stehen werde und was ich dann in meinem Rückblick schreibe...

Kommentare:

  1. Hallo, Frauke!

    Zum besseren Verständnis habe ich gerade noch den verlinkten Post über deine Zwillingsschwester gelesen. Und musste mich doch sehr wundern über deine Kliniktherapeutin und all die anderen, die dir eine Schuld einreden wollten. Ich dachte schon, du hättest deine Schwester im Streit die Treppe runtergestoßen oder sowas. Aber hey, es geschah während der Geburt, weil die Ärzte nicht aufgepasst haben. Und es gibt ja tatsächlich Menschen, die sich deswegen schuldig fühlen. Denen würde ich als Therapeutin dann aber eher die Schuld ausreden. Also ich kann echt nur mit dem Kopf schütteln. Ja, es gibt bessere Therapeuten und Kliniken. Aber gut, dass du trotzdem deins für dich mitnehmen konntest.

    Ich habe 5 Jahre lang als Sozialarbeiterin in einer Förderschule gearbeitet. Es ist wirklich so, wie du es beschreibst. All die Kämpfe mit Behörden, Krankenkasse, der Papierkram, das Unverständnis und die Inkompetenz von sogenanntem Fachpersonal... Dass das deiner Psyche zugesetzt hat, kann ich mir lebhaft vorstellen. Das tut mir wirklich leid für dich, deine Schwester und deine Familie. Als Mensch mit Behinderung wird man tatsächlich mehr von außen behindert als von der körperlichen oder geistigen Andersheit.

    Jedenfalls freut es mich zu lesen, dass du große Fortschritte verzeichnen kannst und deinen Weg mit der Depression gefunden hast. Themen bleiben immer übrig.

    Liebe Grüße
    Yvonne

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    1. Hallo Yvonne,

      danke für deine lieben Worte! Ja, ich verstehe es auch nicht, warum ich unbedingt Schuldgefühle haben soll, wenn ich sie doch nicht habe. Klar, es gibt Menschen, die haben sie. Aber es ist ja nicht falsch (sondern viel mehr richtig), dass ich sie nicht habe!

      Genau, es gibt so viele Kämpfe zu kämpfen... So viele Hindernisse von Außen...

      Liebe Grüße, Frauke

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  2. Hallo Frauke
    Schön dass es Dich und deinen Blog gibt.
    Deine Worte geben mir Mut und sind gleichzeitig eine Inspiration für mich.
    Dass Dich auch eine Fellnase durchs Leben begleitet, macht dich noch sympathischer :).
    Vor etwa fünf Jahren erlitt ich ein Burnout, lange unerkannt, da ich damals meinen Job kündigte und den Sprung in die Selbständigkeit wagte.
    Nach aussen wirkte ich wohl immer sehr "normal", extrovertiert, ideenreich und humorvoll...
    Sobald ich aber alleine war, zogen dunkle Wolken auf und ich war wie bewegungsunfähig.
    Dinge die mir immer sehr viel Freude machten, rückten in den Hintergrund.
    Wichtige Dinge erledigte ich immer auf den letzten Drücker, zuletzt gar nicht mehr.
    Mir flog alles um die Ohren, sowohl privat, wie auch beruflich....
    Im Herbst letzten Jahres war der absolute Tiefpunkt wohl erreicht, obwohl mich im Herbst seit jeher Gedanken an den Freitod begleitet haben.
    Die Wende kam letzten Dezember und ich habe einen für mich gangbaren Weg gefunden.

    Grüsse aus der Schweiz
    Roger

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    1. Hallo Roger,
      herzlich willkommen und schön, dass du zu mir und meinem Blog gefunden hast!
      Ich freue mich sehr, über solch positives Feedback! Vielen Dank für deine offenen Worte!
      Ja, diese nach außen scheinende Normalität, die möchten wir wohl alle so lange es geht aufrecht erhalten... Toll, dass du nach dem letzten Herbst einen Auswerg aus deinem Tiefpunkt erreicht hast und nun auf einem gangbaren Weg bist!
      Ich wünsche dir hierfür viel Kraft und Energie!
      Liebe Grüße in die Schweiz,
      Frauke

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  3. Melancholie! Da bleibt mir echt die Spucke weg!!! Ich finde die Art der Begutachtung einfach nur erniedrigend, habs selbst miterlebt-also nicht bei mir persönlich aber in der Familie.

    Ich finde Dich und deinen Umgang mit deiner Krankheit einfach nur toll und Danke Dir für alle deine so ehrlichen Beiträge
    Drück Dich
    Nina

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    1. Liebe Nina,
      ja, da hast du sehr recht! Ich kannte es bereits vorher von innerhalb meiner Familie, wie diese Begutachtungen ablaufen (können)...
      Danke für deine so lieben Worte!
      Ganz liebe Grüße, Frauke

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  4. Hallo,

    ist wirklich krass, was man so alles von Ärzten und Therapeuten über sich lesen muss. Dabei geht es um Seele, um Menschen,...und nicht darum, ob der eine das rot im Gummibärchen zu kräftig findet oder nicht und woran das wohl liegen könnte.
    ...und es hat Auswirkungen. In dem Fall auf Geldgeber.

    Steht hier im Blog eigentlich irgendwo geschrieben, wie bei Dir der Wechsel zwischen TFP und VT kam und was die VT Dir mehr bringt?

    ...und hast Du Kliniktipps, wo Du durch Gespräch den Eindruck hat, Klinik x oder y könnte gut sein?

    Ich wünsche Dir auf jeden Fall ein depressionsarmes Leben und viel Spaß mit Deiner Mina!!!!

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    1. Hallo Ella,
      danke für deinen Kommentar!
      Genau, das diese Begutachtungen so seltsam verlaufen... Eigentlich echt unglaublich...
      Ich bin hier einmal etwas oberflächlich und eher am Rande auf das Thema Therapiewechsel eingegangen:
      http://fraeuleinswunderbarewelt.blogspot.de/2014/08/in-der-letzten-zeit-klang-es-hier-auf.html
      Mit meiner Verhaltenstherapeutin habe ich sehr viel deutlichere Fortschritte gemacht und konnte viel aus den Stunden mitnehmen. Doch das ist meiner Meinung nach typabhängig, sowohl vom Therapeuten, als auch vom Patienten.
      Kliniktipps habe ich leider keine.
      Ich wünsche dir einen schönen Abend!
      Liebe Grüße, Frauke

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  5. Danke Dir. Ich war mir nicht ganz sicher, ob das hier eher ein Informations- oder ein Austauschblog ist. Jetzt weiß ich Bescheid.
    Im Moment frage ich mich, wie das mit diesen neuen Therapierichtlinien wird. Kostenerstattung soll, soweit ich weiß, bei HP-lern nicht mehr gemacht werden (wodurch es weniger mögliche Therapieplätze gibt), die telefonischen Sprechstunden, die Therapeuten anbieten müssen, nimmt Zeit für die bisherigen Klienten und es werden wohl weniger Stunden finanziert. Bedenklich finde ich das. Mal sehen, wie es wird.
    Dir auch noch einen schönen Tag und ein gutes Wochenende!
    Viele Grüße!

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Ich freu mich über jedes liebe Wort von euch :-)