Donnerstag, 7. Dezember 2017

Depression ist eine Krankheit. Punkt.

Leute, manchmal könnte ich mir an den Kopf packen, die Haare wild schütteln und laut losschreien.

Ganz ehrlich: wie kann ein Großteil der Bevölkerung immer noch glauben, dass Depressionen ein Zeichen von Schwäche sind, die eigene Lebensführung ihren Anteil daran trägt und mit Schokolade wieder weg geht?!

Glaubt ihr nicht? Ich konnte es erst auch nicht glauben. Aber neulich habe ich von einer ganz aktuellen, repräsentativen Studie der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Deutsche Bahn Stiftung erfahren, die genau das ermittelt hat. [Die Studienergebnisse im Detail findet ihr hier!]

Doch eins nach dem anderen und erst einmal tief ein- und ausatmen. (Als selbst von Depressionen Betroffene macht mich so ein Studienergebnis echt wütend und fassunglos. Und im nächsten Schritt fühle ich mich hilflos. Ich habe mich so viele Jahre meines Lebens echt ernsthaft zusammen gerissen und wirklich Unmengen an Schokolade verdrückt. Das war VOR meiner Diagnose Depression. Beides hat mich also schön vor der Depression geschützt. NICHT.)

Die Studie ergab u. a., dass sowohl von Außenstehenden, als auch von Selbstbetroffenen besonders schwierige Lebensumstände als Hauptursache für Depressionen angesehen werden. (Wobei Selbstbetroffene besser darüber informiert sind, dass biologische Faktoren eine Rolle spielen.) Der Knackpunkt hierbei ist, dass es allgemeinhin akzeptiert wird, eine Depression zu haben, weil das Leben desjenigen halt kacke ist. Doch die Depression als eine Krankheit anzusehen, wird nach wie vor von der breiten Masse in Deutschland abgelehnt.

Von den etwa 2.000 Befragten aus der durchschnittlichen Bevölkerung hatten 1/3 Kontakt zu Menschen mit Depressionen, 1/3 haben oder hatten selbst Depressionen und 1/3 hatte bisher keinen Kontakt zu Betroffenen.

Immerhin 95 % der Befragten halten eine Psychotherapie für hilfreich. 92 % denken, dass es hilft zum Arzt gehen und 91 % mit Freunden zu sprechen. Soweit erst einmal echt gut! Kann ich alles mit unterschreiben. Doch immerhin 18 % meinen, dass es reicht sich zusammen zu reißen und ebenso viele, dass Schokolade hilft! Umgerechnet ergibt das, dass jeder FÜNFTE denkt, sich zusammenzu reißen und Schoki zu essen sind optimal um eine Depression zu heilen. Leute, was ist denn da los? Euer Ernst?

Quelle: Infografik der Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Weiter wurde in der Studie herausgefunden, dass über 70 % der Befragten glauben, dass Antidepressiva süchtig machen und/oder den Charakter verändern. Klar, das Zeug ist nicht ohne, weil es echt eine Menge Nebenwirkungen gibt/geben kann. Aber mal ehrlich: hätte ich damals an der tiefsten Stelle meines Tiefs kein Antidepressivum genommen, wüsste ich nicht, ob ich diese Zeilen gerade noch tippen könnte oder doch schon von einer Wolke winken würde. Ich bin natürlich dabei, dass man Medikamente nicht leichtfertig und aufs Geradewohl nehmen soll. Doch in einigen Fällen helfen diese Tabletten den von Depressionen betroffenen Menschen sehr! Und ernsthaft: wenn ich Herzprobleme hätte oder Wasser in den Beinen oder was weiß ich, dann würde ich doch auch Tabletten nehmen. Wenn ich aber eine Erkrankung haben, die auf wahrscheinlich auf Stoffwechselstörungen im Gehirn beruht, dann darf ich keine Medikamente nehmen, die dafür angelegt sind, diese Stoffwechselstörungen wieder ins Gleichgewicht zu bringen? (Nachtrag: wissenschaftlich ist der genaue Zusammenhang zwischen Depressionen und Botenstoffen im Gehirn bis heute nicht explizit nachgewiesen. Siehe auch Annies Kommentar am Ende dieses Textes.) Öhm. Für Hinz und Kunz ist eine jahrelange, nicht zu hinterfragende Tabletteneinnahme bei Schilddrüsenerkrankungen, Herzbeschwerden, Blutgerinnungsstörungen etc. doch auch normal. Und hierbei sind  Nebenwirkungen ebenfalls möglich. Wer Spaß dran hat, soll sich einfach mal die Packungsbeilage einer handelsüblichen Verhütungspille durchlesen. Und hierbei geht es "nur" um Verhütung und um keine ernstzunehmende Krankheit, die unbehandelt zum Tode führen kann und teilweise auch behandelt zum Tode führt.

Okay, rund um psychische Erkrankungen gibt es noch große Stigmatisierungen. Von Außenstehenden und von Selbstbetroffenen, die sich hin und wieder für diese Krankheiten schämen. Hierbei meine ich gar nicht mal nur Depressionen, sondern auch alle anderen psychischen Erkrankungen, wie z. B. Borderline, Schizophrenie und was es da nicht noch alles gibt. Diese in der Gesellschaft verankerten und veralteten Vorurteile werden zwar nach und nach weniger, doch es gibt sie immer noch. Nach wie vor scheint es eklatante Wissenslücken in Bezug auf diese Krankheiten zu geben, die "nur" die Psyche betreffen.

Die letzten Jahre gibt es zum Glück immer mehr Aufklärungskampagnen, erweiterte und niedrigschwelligere Hilfsangebote und es gibt mehr Bücher, Blogs, Beiträge, Zeitschriften (wie z. B. Miles) zu den Themen Depression und generell psychische Erkrankungen. Doch es braucht seine Zeit und einige Menschen haben so viele Barrieren im Kopf, dass sie von ihren Vorurteilen auch nicht abrücken (wollen/können?). Dadurch entsteht bei Betroffenen schnell ein Schamgefühl für eine Krankheit für die sie nichts können und die vor allem auch JEDEN treffen kann. Aus Scham wird dann alles getan, um die Krankheit und ihre Symptome zu vertuschen. Statt die eh schon sehr geminderte Energie auf Hilfsangebote zu richten und für einen Weg in eine gesündere Zukunft zu nutze, geht diese für das unter den Teppich kehren und Fassade aufrecht erhalten drauf.

Dabei kostet es so unendlich viel Energie, sich aus einem Tief herauszukämpfen! [In meiner Reihe "Was heißt Depression für mich?" bin ich in insgesamt 7 Teilen hierauf eingegangen und habe verschiedene Aspekte zu meiner Krankheit beantwortet.]

Lasst uns mal kurz eine Phantasiewelt bauen, wie ich sie mir in Bezug auf die Anerkennung der Krankheit wünschen würde:

Jemand hat erste Anzeichen einer Depression. Er wendet sich ratsuchend an einen Freund/ein Familienmitglied. In diesem Gespräch wird ihm zugehört und er wird ernstgenommen. Daraufhin geht er zu seinem Arzt und bespricht seine Symptome mit dieser Fachperson. Gemeinsam überlegen sie, was nun weiter zu tun ist. Antidepressiva? Krankschreibung? Psychotherapie? Verhaltenstherapie? Und so weiter und so fort. Wenn derjenige dann mit jemandem spricht, kann er sagen, dass er eine psychische Erkrankung hat, denn diese wird genauso anerkannt, wie ein gebrochenes Bein oder Herzrhythmusstörungen. Er muss sich nicht verstellen und sein Umfeld weiß Bescheid. Sobald Fragen sind, können diese von beiden Seiten gestellt und beantwortet werden (sofern derjenige dazu gerade in der Lage ist). Seine Energie verwendet er auf die eh immer noch sehr nervenaufreibende/zeitintensive/kräftezehrende Therapeutensuche und dann im nächsten Schritt für die Therapie selbst. (In einem nächsten Wunschschritt wäre die Therapeutensuche natürlich auch wesentlich simplerer!) Sein Umfeld unterstützt ihn, wo er es braucht, aber auch, wo der Gegenüber es kann. (Jeder nur so viel er selbst kann!) Mit viel gegenseitigem Verständnis und Akzeptanz hat der Betroffene ein sicheres soziales Umfeld, auf das er sich verlassen kann und das ihm ein gutes Gefühl der Sicherheit bietet. Er muss keine Angst haben wegen einer vermeintlich psychischen Schwäche aus seinem Freundeskreis/von seiner Familie ausgeschlossen oder mit Vorurteilen und gutgemeinten, aber nicht helfenden Ratschlägen überhäuft zu werden.

Herrlich diese Vorstellung, oder?!

Ich hatte in vielen Punkt sehr viel Glück und sehr tolle Menschen an meiner Seite. Kurz nach meiner Diagnose im Sommer 2013 habe ich angefangen mit meiner Depression als Krankheit sehr offen umzugehen. Nicht immer konnte ich alles in Worte fassen, weil diese Krankheit oft meinen Mund verschloss. Doch dann löste ich es über Schreiben. Mein Umfeld hat mich bis auf wenige Ausnahmen hierfür weder verurteilt noch ausgeschlossen. Ganz vielen Dank an euch!

Aber es geht nicht allen Menschen so! Auf verschiedenen Kanälen folge ich den unterschiedlichsten Personen, die mehr oder weniger offen mit ihren Erkrankungen umgehen. Bei einigen wissen es nur wenige nahestehende Personen, weil sie sonst wirklich um ihre soziale Akzeptanz fürchte würden. Andere haben offene Ablehnung erlebt und wurden/werden ausgegrenzt. Natürlich lese ich nur deren eigene Sichtweise und ihre Schilderungen, wie sie ihr Umfeld beschreiben. Natürlich kann es sein, dass die beteiligten Personen die Situationen völlig anders schildern würden. Natürlich, das weiß ich. Aber selbst wenn ein Teil davon einer etwas verzehrten Wahrnehmung geschuldet ist oder weil die Person im realen Leben sich total unmöglich aufführt oder was weiß ich, ein Großteil der geschilderten Begebenheiten wird sich so oder so ähnlich wirklich ereignet haben. In Gesprächen bekomme ich solche Ausgrenzungen und haltlosen Vorurteile selbst mit. Wenn ich kann, agiere ich dagegen und sage meine Meinung. Doch auch bei mir gibt es Situationen, wo ich "gezwungen" bin mit meiner Meinung hinterm Berg zu halten oder wo mir in der entsprechenden Situation einfach die Kraft für eine Konfrontation oder Auseinandersetzung fehlt. Dieses Thema berührt mich selbst halt sehr stark und deshalb gibt es Momente, wo ich hierbei sehr emotional (angreifbar) werde. Doch im Großen und Ganzen versuche ich authentisch zu bleiben und meinen Standpunkt zu vertreten.

Wenn ihr hier bei mir schon länger lest oder auch, wenn ihr noch relativ neu seid, seid ihr wahrscheinlich entweder selbst von Depressionen betroffen oder irgendwie an der Thematik interessiert. Alles, was ihr bei mir lest, schildert meine Sichtweise der Dinge. Hierbei gehe ich sehr offen mit sehr vielen Dingen um. Ich weiß von anderen an Depressionen erkrankten Menschen, dass sie diese Offenheit nicht leben können. Sei es auf die äußeren Umstände zurückzuführen oder weil ihnen selbst die Worte für diese so krasse Krankheit fehlen. Deshalb nutzt die Chance und informiert euch hier um die Sichtweise einer Selbstbetroffenen kennenzulernen. Jeder Mensch hat seine eigene Krankheit, doch in einigen Punkten werden ihr euch oder wenn auch immer höchstwahrscheinlich wiedererkennen oder zumindest besser verstehen. Schaut euch auch auf anderen Blogs oder Infoseiten um: einige hilfreiche Bespiele habe ich hier verlinkt! Es gibt hierbei auch Angebote, die speziell an Angehörige gerichtet sind. Versucht euch selbst ein Bild über die Krankheit zu machen, statt gesellschaftlich verankerte Vorurteile ungefiltert zu übernehmen!

Tut mir aber bitte auch den Gefallen und achtet auf euch selbst. Wenn euch etwas zu sehr berührt oder euch zu nahe geht, zieht eine Grenze und schaut auf euch, damit ihr stabil bleibt. Niemandem ist geholfen, wenn ihr durch Texte, die ihr lest, zu tief heruntergezogen werdet! Außerdem schaut bitte genau hin, welche Art von Blogs/Texten ihr lest oder Youtube-Videos ihr euch anschaut. Hier gibt es viele, die sehr düster gefärbt sind und mich z. B. sehr mitnehmen, mir dabei aber null weiterhelfen. Filtert für euch selbst sehr genau, was ihr lesen könnt und wollt.

Und ganz ganz ganz wichtig: wenn ihr Hilfe braucht, sucht euch Hilfe! Die Telefonseelsorge ist z. B. rund um die Uhr und kostenlos erreichbar! Depression ist eine ernstzunehmende Krankheit! Wirklich, dafür muss sich niemand schämen! Wenn wir alle offener auf einander zu gehen und uns gegenseitig mehr Akzeptanz und Verständnis entgegen bringen, können vielleicht einige der jährlichen 10.000 Suizide und der alle 4 Minuten stattfindenden Suizidversuche verhindert werden. Reden hilft. Aufklärung hilft. Hilfe hilft.

Ignoranz oder nicht ernstnehmen oder was auch immer an Ablehnung möglich ist, kann in Bezug auf eine Depression tödlich enden.

Passt auf euch auf. Egal, ob selbst von Depressionen betroffen oder nicht.

Depression Hund Sehenswert


Eines noch zum Abschluss: Der Postillon ist in seiner gewohnt satirischen Art bereits drauf eingegangen, dass man mit einem einzigen Satz geheilt werden kann. ;-)





Kommentare:

  1. Ein sehr schöner Beitrag, der ausführlich schildert, was ich im Berufsleben tagtäglich wahrnehme. Bei der Arbeit mit psychisch erkrankten Jugendlichen sind wir oft die schuldigen, wenn etwas schief läuft. Eltern erwarten, ihr Kind abzugeben und nach drei Monaten völlig geheilt wieder abzuholen. Sind dann die Wochenenden trotzdem mal Mist, liegt es an uns. Die Akzeptanz, dass sich vor allem Depression nicht wegzaubern lässt, ist nicht vorhanden. Ich glaube, es liegt auch viel daran, dass psychische Erkrankungen nicht sichtbar und damit nicht greifbar sind. Zu verstehen, wie es jemandem mit Depressionen geht, ist für die meisten Außenstehenden nicht vorstellbar. Daher wohl auch der Wunsch, dass es wie bei einem Beinbruch durch die richtige Therapie geheilt wird...

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    1. Vielen Dank für deine Sichtweise aus fachlicher Sicht!
      Das ist echt krass, dass auch oder gerade Eltern sich so wenig mit einer Krankheit ihrer Kinder auseinander setzen. Schließlich müsste man hier ja eigentlich meinen, dass sie an der Genesung interessiert sind, aber natürlich auch ihre Kinder verstehen wollen, was sie fühlen, denken, wahrnehmen. Ja, wahrscheinlich fehlt es an der fehlenden Sichtbarkeit. Wobei auch Herzprobleme oder auch z. B. Reflux erst einmal nicht zwingend von außen sichtbar sein müssen, wie es bei einem gebrochenen Bein der Fall ist. Auch dort hat man erst einmal einige Symptome, sieht außen aber nicht viel. Aber klar, psychische Probleme lassen sich schwerer greifen und nachvollziehen, wenn man selbst keinerlei solche Symptome kennt....

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  2. Liebe Frauke,
    ich finde die Ergebnisse auch erschreckend und hoffe, dass sich in den nächsten Jahren noch so einiges in der Aufklärungsarbeit tut. Trotzdem muss ich dir ein wenig widersprechen, was die wissenschaftliche Seite angeht. Es ist nicht bewiesen, dass Depressionen eine reine Botenstoffstörung im Gehirn ist. Man hat zwar festgestellt, dass Depressive einen Mangel an Serotonin aufweisen, aber woher und weshalb das kommt, ist selbst für die Wissenschaft noch ein großes Rätsel. Ich bin der Meinung, dass der Einsatz von Medikamenten wirklich gut überlegt sein muss - nicht vom Hausarzt verschrieben, sondern von einem richtigen Facharzt engmaschig betreut werden muss. Für mich waren sie damals auch ein Segen, denn ich wäre sonst auf der gleichen Wolke und würde mit dir winken. Trotzdem stehe ich dem Einsatz auch kritisch gegenüber, denn über die Absetzproblematik wird viel zu selten aufgeklärt und teilweise sogar verharmlost. Jeder reagiert anders auf die Medikamente, so dass ein individueller Therapieplan beachtet werden sollte.
    Viele Grüße von Annie

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    1. Liebe Annie,
      vielen Dank für deine ausführliche Antwort! Mein Kenntnisstand war, dass es auch an einer Stoffwechselstörung liegt und genau hier die Antidepressiva einsetzen. Da ich selbst nur Laie und keine Fachperson bin, ist mir hier die Formulierung scheinbar etwas zu konkret gelungen, als dass sie wissenschaftlich haltbar wäre. (Ich schau gleich mal, wie ich den Text oben etwas anpassen kann.) Ich bin bei Medikamenten auch immer skeptisch, bin aber für eine gute Abwägung von Nutzen/Nebenwirkungen/Risiken. Meine Erfahrung ist: mein Hausarzt hat mir die Tabletten verschrieben und das betreut. Auf seinen Wunsch war ich einmalig bei einem (zugegebenermaßen miserablen) Neurologen, der sich keine Zeit nahm, mich nur immer von oben bis unten musterte und sagte, wenn ich doch schon Tabletten hätte, was ich dann noch dort wollen würde. Der Termin lief alles andere als vorzeigbar. Aber auch hier wird es positivere Beispiele geben!
      Liebe Grüße, Frauke

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