Donnerstag, 21. September 2017

Ein Dankesbrief an meine Depression

Liebe Depression,

als ich vorhin auf dem sonnigen Balkon saß und leise in einem Buch las, wurde mir etwas deutlich.

Ich möchte dir DANKE sagen!

Danke, dass du mein Leben verändert hast. Du hast mich dazu gebracht, mich, meinen Körper, meine Wünsche und Bedürfnisse wahrzunehmen. Klar, du bist eine echt krasse, chronische, überhaupt nicht zu unterschätzende Krankheit, die mich schon mehrmals auf den Boden und noch viel tiefer gedrückt hast. Seien wir so ehrlich: in diesen Zeiten habe ich dich gehasst. Doch mit etwas Abstand zum letzten Tief wird mir bewusst, zu wie viel Freiheit und Zufriedenheit du mich geführt hast.

Durch dich habe ich (auf die harte Tour) gelernt, meine Verhaltensmuster zu erkennen, zu hinterfragen, sie als Schutzmechanismen zu identifizieren und in vielen Fällen zu ändern. Bis ich dich kennengelernt habe, wusste ich gar nicht, dass es überhaupt welche gibt, geschweige denn habe ich hinterfragt, ob ich ihnen eventuell blind und fraglos folge und welche Konsequenzen das für mich und meinen Körper haben könnte. Dank dir habe ich viele negative Verhaltensmuster als solche erkannt und einige neu konditioniert, bei anderen bin ich noch dabei. Jetzt kann ich mich fragen: Möchte ich mich so verhalten, wie ich mich gerade verhalte? Warum verhalte ich mich so? Warum denke ich diese Gedanken und ist meine Wahrnehmung gerade wirklich richtig oder nehme ich die Realität negativ verzerrt wahr? Was steckt für ein Gefühl dahinter?

Mittlerweile weiß ich, dass es bei mir häufig Unsicherheit, Verletzlichkeit und Schuld sind, die mein Verhalten geprägt haben. Das fiel mir lange Zeit nicht auf. Zum einen waren dies etliche Jahre meines Lebens die alles beherrschenden Gefühle, zum anderen möchte doch jeder stark und unangreifbar sein. Nur die vermeintlich "Schwachen" haben "Schwächen".

Doch die Konsequenz ist, dass ich nicht nur diese negativ behafteten Gefühle ausgeblendet habe, sondern auch viele Facetten meiner eigentlich positiven Gefühle. Dadurch habe ich mich zwangsläufig ein Stück weit meiner eigenen Persönlichkeit beraubt. Wenn ich dagegen diese ganzen Gefühle zulasse und als einen Teil von mir akzeptiere, kann ich sie mir ansehen und erspüren. Viele waren mir sehr fremd (geworden). Beim näheren Betrachten ist mir klar geworden, dass die negativ und angsteinflössenden Gefühle gar nicht so allmächtig sind, wenn ich sie zulasse, wie ich das immer geglaubt habe. Viel mehr habe ich ihnen viel zu lange Macht über mich eingeräumt, weil ich versucht habe sie ins Unbewusste zu verdrängen und von mir fernzuhalten. Ich habe sie verleugnet, als wenn es sie gar nicht gäbe. Das hat eine Menge Kraft gekostet, die ich doch eigentlich für etwas viel schöneres verwenden kann!

Es gibt diese Gefühle und sie sind ein wichtiger Teil von mir. Das Leben ist nicht nur eitelsonnenschein und so gehören auch die Schattenseiten zu mir, ob mir das früher gefiel oder nicht. Mir ist klar geworden, dass ich sie gar nicht vehement und mit aller Macht vor mir und der restlichen Menschheit verstecken muss, weil ich sonst nichts mehr wert bin, weil ich schwach und angreifbar werde. Als ich anfing, sie anzuschauen und als einen Teil von mir anzunehmen, da fing ich an, mein Verhalten, meine Gedanken und meine Gefühle wieder klarer wahrzunehmen. Vorher waren sie von den negativen, verdrängten Gefühlen unbewusst bestimmt worden.

Es gab Situationen, wo ich mich für mich selbst und auch für andere nicht nachvollziehbar und völlig unangemessen verhalten habe, ohne zu verstehen, was der Auslöser war. Es war das mächtige Unbewusste, das sich seinen Weg an die Oberfläche bahnte und meinte, mich beschützen zu müssen, weil genau diese Verhaltensweisen mich früher in wirklich schlimmen Situationen real beschützt und am Leben erhalten haben. Mittlerweile kann ich (meistens) in solchen Situationen einen Moment innehalten, die Situation und meine Wahrnehmung/meine Gefühle dazu hinterfragen und mich so verhalten, wie ich als erwachsene Frauke das für richtig erachte. Mein inneres Kind, das viel zu lange schlecht von anderen und auch von mir selbst behandelt wurde, muss nun nicht mehr so häufig in die Bresche springen und versuchen, mich vor einer vermeintlichen Gefahr zu beschützen, die es aus seiner jahrelangen Erfahrung gemeint hat kommen zu sehen. (Wer sich mal näher mit dem inneren Kind beschäftigen möchte, empfehle ich sehr das Buch "Das Kind in dir muss Heimat finden"!)

Ich habe mich meinen tiefverborgenen Ängsten und Zweifeln (zu großen Teilen) gestellt. Dadurch habe ich erkannt, dass die unbewussten Verhaltensmuster immer ansprangen, wenn jemand in die Nähe dieser Ängste und Zweifel kam. Ich habe versucht, sie vor anderen zu verbergen und sie zu verstecken. Jetzt weiß ich, dass es dort nichts zu verbergen gibt. Jeder Mensch hat sie und sie sind ein Teil von jedem von uns. Nur, wenn ich sie mir nicht bewusst mache, steuern sie mich, mein Verhalten, meine Wahrnehmung und meine Emotionen.

Dank dir, liebe Depression, habe ich gelernt, mich mit all meinen Facetten kennenzulernen und mich als komplexen Menschen anzunehmen. Auch inklusive meiner schwachen und negativen Seiten. Ich stelle mich Situationen, die ich sonst aufgrund von Schutzmechanismen vermieden hätte. Aber nun weiß ich, dass durch die Vermeidung die Ängste nur größer werden und ich mir die Chance nehme, zu erfahren, dass dort gar keine Gefahr lauert. (Ich meine hier nicht wirklich bedrohliche Situationen, in denen mir jemand leibhaftig schaden möchte!) Ich akzeptiere, dass ich ein Mensch bin, so wie jeder andere auch. Dank dieser Einsicht gelingt es mir hin und wieder und zum Glück immer öfter, meine innere Anspannung locker zu lassen und mich im Hier und Jetzt und in meinem Leben wohl zu fühlen.

Dadurch komme ich mehr in Kontakt mit mir selbst und kann so überhaupt erst so etwas wie Selbstfürsorge und Selbstliebe entstehen lassen. Ich lerne kurze Momente kennen, in denen ich in mir Ruhe. Bisher kannte ich das immer nur vom Hörensagen und hielt es für eine unerreichbare Utopie. Doch diese kurzen, derzeit noch sehr seltenen Momente des inneren Friedens bestärken meine Hoffnung, dass dies auch mehr werden kann!

Während ich mir früher häufig die Ablenkung im Außen suchte, überall und jedem meine Hilfe anbot, immer erreichbar und präsent war, gerne shoppen ging oder sonst wie nicht bei mir selbst war, höre ich nun lieber in mich hinein und nehme mich wahr. Liebe Depression, du weißt, dass ist noch nicht richtig in mir verfestigt, aber ich bin dran! Heute kommt das gute Gefühl, das mir früher die gerade aufgeführten Punkte brachten, von innen. Auch nicht immer und beileibe nicht täglich. Aber es ist da! Und es fühlt sich viel schöner an, als dies durch äußere Reize für mich möglich wäre. Mittlerweile gehe ich lieber in einen menschenleeren Wald und konzentriere mich auf das Erleben im möglichst reizarmen Hier und Jetzt, statt mich ins übervolle und mit Reizen gepflasterte Getümmel zu stürzen. Dort verliere ich mich nur viel zu sehr in all den Eindrücken, Gefühlen und Erwartungen, die von außen auf mich einströmen. Dafür nehme ich diese von anderen Menschen viel zu krass und ungefiltert wahr, als dass ich dann ungestört bei mir bleiben könnte. Dank dir habe ich erkannt, dass es mein gutes Recht ist, auf mich und meine Bedürfnisse zu achten. Danke!

Klar, ich bin mittlerweile nicht mehr so belastbar wie früher und komme viel schneller an meine Grenzen. Aber mal ehrlich, war ich damals so belastbar oder bin ich einfach jahrelang weit über meine Grenzen hinaus gegangen? Habe ich nicht einfach immer weit über meine Kapazitäten hinaus gewirtschaftet und neben etlichen Überstunden im Job, auch noch eine gesetzliche Betreuung übernommen und mich auch sonst nicht zurück gehalten? Welcher Körper soll das schon alles auf Dauer mitmachen? Zumal mein Körper auch in Kindheitstagen nie einfach nur Kind sein durfte? Es ist also das gute Recht meines Körpers nun auf seine Ruhephasen zu pochen und sie zur Not auch zwangsweise einzufordern. Dank dir bin ich auf einem sehr guten Weg, mir mit Hilfe von Achtsamkeit und Entschleunigung eine gesündere und ausgeglichenere Lebensweise anzueignen.

Durch dich habe ich überhaupt erst angefangen zu bloggen und hierüber viele wunderbare Menschen kennengelernt. Durch das Schreiben über dich reflektiere ich enorm. Ich stehe zu mir und meiner Krankheit, meinen Ängsten, Schwächen und Selbstzweifeln. Aber auch zu meinen Stärken und meinen Erfolgen. Es gab Menschen, die mich belächelt oder sogar grob angegangen haben, weil sie mit dieser offenen Art nicht umgehen konnten. Sie haben es als Schwäche und als Lächerlichkeit abgetan. Doch es ist mein Weg. Ich lege meine Schwächen offen, sodass ich nichts verbergen muss und die Angst, dass jemand hinter meine so sorgsam verborgenen Ängste kommt, verschwindet. Dadurch habe ich plötzlich wieder Energie zur Verfügung, die ich für etwas positives verwenden kann. Ich lebe so authentisch, wie ich halt nun einmal bin und wie es mir gut tut. Danke, liebe Depression. Ohne dich wäre ich heute nicht so weit!

Mein in meiner Kindheit erlernter Totstellreflex, der sich in Dissoziationen äußert, hat mir lange wortwörtlich das Überleben gesichert. Ich habe innerlich abgeschaltet, bis ich taub war und nichts mehr spürte. Für mich und mein Umfeld war es normal, dass ich so war. Als ich so etwa 13 Jahre alt war, war ich mal für ein paar Tage mit meiner Oma bei einer Freundin von ihr in Österreich. Nach einiger Zeit fragte diese Freundin meine Oma in meinem Beisein, ob ich immer so ernst wäre und niemals lache. Meine Oma fand das normal, so sei ich nun mal. Ja, so war ich. Damals konnte ich nichts für die Umstände, die mich dahin geführt haben. Als sich die Umstände und mein Alter änderten, lernte ich nach und nach (wieder) Freude und Lachen in mein Leben zu lassen. So kamen über all die Jahre alle möglichen Gefühle hinzu. Seit einiger Zeit sogar die Wut, die mir lange Zeit auch sehr fremd war. Die Dissoziationen sind bis heute geblieben und äußern sich immer in Zeiten sehr starker emotionaler Verletzlichkeit. Aber sie werden weniger, weil ich mehr auf mich achte. Danke. liebe Depression!

In wirklich bedrohlichen Situationen erstarre ich nicht mehr. Vor etlichen Jahren gab es mal eine Situation, in der mich mein eingeschränktes Verhalten sehr krass erschreckt hat. Ich war mit meiner Zwillingsschwester mitten am hellichten Tag in einem Café, als ein Mann zu uns kam, uns anfing zu beschimpfen und meine Schwester anzufassen. Ich konnte nicht reagieren. Ich war gelähmt und konnte nur noch flüstern. Es war sehr schrecklich, mich selbst so hilflos zu erleben, wo ich doch eigentlich für mich und meine Schwester hätte einstehen müssen. Zum Glück kamen dann einige Männer von anderen Tischen und beschützten uns. Doch diese Hilflosigkeit und diese völlige Wehrlosigkeit haben mich noch lange erschüttert. Heute weiß ich, dass damals mein inneres Kind aktiv war und in eine alte Rolle aus meiner Kindheit verfiel. Zu dem Zeitpunkt konnte ich nicht anders reagieren. Doch ich hoffe, dass ich heute, in einer ähnlichen Situation in meinem erwachsenen Ich und somit handlungsfähig bleiben kann um mich zu wehren oder um Hilfe zu bitten.

Liebe Depression, du siehst, ich habe ganz schönen Grund dir zu danken. Ohne dich wäre ich heute ein anderer Mensch. Viel unsicherer, unreflektierter und viel weniger ICH selbst. Dank dir habe ich gelernt meine Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen und sie für vollwertig anzunehmen. Ich richte mich nicht mehr nur nach den Wünschen und Bedürfnissen meines Umfeldes, um möglichst nicht aufzufallen oder Ärger zu machen oder sonst wie negativ aufzufallen.

Danke, dass ich ICH sein darf!

Kuh Bulle kraftvoll Depression Dankbarkeit


Ich kann nicht gerade sagen, dass ich mich auf das nächste Tief freue oder auf die nächsten Fußtritte, die du mir eventuell verpasst. Aber wenn es soweit ist, weiß ich, dass du mich auf etwas hinweisen oder mir etwas beibringen möchtest. Ich vertraue darauf, dass ich in dem Moment die Stärke dazu habe, genau hinzuschauen und für mich selbst da zu sein.

Liebe Grüße,

deine Frauke 

Kommentare:

  1. Liebe Frauke,
    was für ein ergreifender Beitrag, eine berührende Geste an deine Depression! Die Zeilen sind mit so viel Ehrlichkeit und Wohlwollen durchtränkt, das es mir Gänsehaut bereitet.. Toll zu lesen, dass du auch die "positiven" Seiten beleuchten magst und beschreibst, welches persönliches Wachstum durch sie möglich geworden ist.
    Und herzlichen Dank für die Buchempfehlung zum inneren Kind, das Buch werde ich mir kaufen!

    Alles Liebe,
    Noémie

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    1. Liebe Noémie!
      Ganz lieben Dank für deine Worte!
      Ich wünsche dir viel Freude/Erfolg (mit fehlt gerade das richtig Wort hierfür) beim Lesen des Buches! Zur Zeit hilft es mir viel weiter beim Verstehen und Reflektieren.
      Ganz liebe Grüße, Frauke

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  2. Ein sehr ehrlicher Dankesbrief mit einer unglaublichen Selbstreflexion. Und einfach wunderbar geschrieben. <3
    Schön dass du DU bist-so mag ich dich! Allerliebste Umarmung

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Ich freu mich über jedes liebe Wort von euch :-)