Dienstag, 25. November 2014

"Was heißt Depression für mich" - Teil 6 -

Nachdem es beim letzten Mal darum ging, was ich von meinen Freunden erwarte, versuche ich heute zu erklären, warum ich nicht einfach im Bett liegen bleiben darf, wenn ich ein Tief habe.


Was heißt Depression für mich

Vergesst beim Lesen bitte nicht, dass ich hier mein eigenes Erleben und meine eigenen Erfahrungen wiedergebe! Jeder Depressive erlebt die Krankheit auf seine eigene Art und Weise. Die Symptome können sehr verschieden sein. Alles, was ich zu diesem Thema schreibe, schreibe ich als "Betroffene". Ich habe keinen medizinischen oder sonstigen fachlichen Hintergrund, sondern berichte von mir und meinen Erfahrungen mit der Krankheit. Die grundlegenden Dinge, die hinter einer Depression stecken, habe ich mir in verschiedenen Fachbüchern und im Internet angelesen.


Du machst viele Ausflüge und unternimmst viel. Auch wenn du ein Tief hast. Zumindest wirkt es so, wenn ich mal wieder bei deinem Blog vorbei schaue. Lenkst du dich dabei nicht nur von dir ab, anstatt dich mal mit dir selbst zu beschäftigen?


Ich gehe heute nur auf die Seite ein, wie es ist, wenn ich ein richtig tiefes Tief habe und trotzdem etwas unternehme.

Wenn ich ein Tief habe, fehlt mir viel positives. Ich seh nur schwarz um mich herum. Meine Gefühle sind taub und ich fühle so gut wie nichts. Alle zuversichtlichen Gedanken sind weg und alle schönen Erinnerungen sind fort. Ich spüre mich und meinen Körper kaum. So, wie meine Wahrnehmung in Watte gepackt ist, so ist meine ganze Welt wie mit einem grauen Nebel belegt. Was bei einer Depression besonders fehlt, sind positive Erlebnisse und Empfindungen. Die negativen Gedanken kreisen und kreisen und kreisen immer im Kreis und beschwören neue herauf.

Nun ist es das naheliegendste, morgens einfach nicht aufzustehen. Einfach im Bett liegen zu bleiben und Decke übern Kopf ziehen. Oder einfach vom Bett aufs Sofa zu wandern und dort komatös vor mich hin zu vegetieren. Glaubt mir, das habe ich gemacht. Gerade als ich mit dem Antidepressiva anfing, konnte ich nichts anderes machen. Dieser Zustand hat zwei oder drei Wochen angehalten und war alles andere als toll.

Ich habe gelernt. Wenn mein Körper keine positiven Empfindungen zulässt, muss ich mir selbst welche schaffen. Weil ich sonst niemals nie aus dem Tief herauskommen würde. Das Gedankenkreisen würde kein Ende nehmen und der innere Antrieb wäre über kurz oder lang völlig weg.

Mina ist mir eine riesige Hilfe. Sie MUSS einfach mindestens drei Mal am Tag raus. Punkt. Auch wenn ich aus eigenem Antrieb niemals nicht vor die Tür möchte, sie bringt mich dazu. Das tut gut! Wenn ich ein Tief habe, ist mir draußen zwar alles zu viel und zu laut und zu hell und zu schnell. Aber dann stülpe ich mir meine Mütze übern Kopf und zieh sie tief über die Ohren. Und allein eine kurze Hunderunde von 10 Minuten ist ein Anfang und aktiviert meinen Körper etwas.

Das ist erstmal die Grundlage um euch einen Einblick zu geben, wie schwer es mir häufig fällt, das Haus zu verlassen. Es ist ein innerer Kampf mit mir selbst. Das hat nix mit dem viel beschworenen Schweinehund zu tun oder mit Faulheit. Wenn ich ein Tief habe, kann ich einfach nicht anders. Mein Gehirn bzw. mein Körper hindert mich daran, positive Erlebnisse zu haben und mich an welche zu erinnern. Wenn ich während eines Tiefs vor die Tür gehe, ist das ein Meilenstein für mich, der mir nicht leichtfällt und zu dem ich immer lange brauche. Stellt euch mal vor, wie viele Kämpfe ich mit mir selbst führe, um drei Mal am Tag mit Mina ihre Runde zu gehen.

So, nun weiß ich aber, dass ich Sonnenlicht und Sauerstoff brauche. Und ich muss mir selbst positive Erlebnisse schaffen und diese ganz fest in meinem Gedächtnis verankern, damit mein Gehirn mir nicht länger vorgaukeln kann, dass mein Leben nicht lebenswert und überflüssig ist. Eine schöne Sache für einen Ausflug ist ein Ort, der
  • menschenleer ist
  • möglichst mitten in der Natur ist
  • hundefreundlich ist, sodass Mina freudestrahlend und lebensbejahend um mich herum toben kann
Wenn ihr meine Blogposts aufmerksam und auch zwischen den Zeilen lest, werdet ihr Wochen bemerkt haben, wo nur Mina und ich unterwegs sind. Wenn ich mich schon überwinden kann, während eines Tiefs vor die Tür zu gehen, ertrage ich keine Menschen in meiner Umgebung. Klingt hart, ist aber so. Mina und ich fahren irgendwohin, wo es schön sein wird. Auch wenn ich dann vor Ort keine positive Empfindung zu dem Ort und zu dem Moment an sich aufbauen kann, knipse ich unendlich viele Fotos. Ich vertiefe mich in Details und gehe sehr aufmerksam jeden Schritt. Durch die Kamera sehe ich die Welt etwas anders, facettenreicher, kontrastreicher, vielschichtiger. Ich stehe dann dort an einem Ort, von dem ich weiß, dass er schön ist. Ich weiß, dass der Moment, den ich gerade erlebe, schön ist. Ich weiß es. Aber ich fühle es nicht. Meine Gefühle sind weiterhin taub und nebelartig.

Doch wenn ich zuhause bin, schaue ich mir meine Fotos an. Dann kann ich rückblickend versuchen, eine emotionale Verbindung zu meinen Bildern herzustellen und daraus ein positiv behaftetes Erlebnis machen, das meinem nur noch auf Negativ gerichteten Gehirn ein bissel die Zunge raus streckt.

Das geht nicht immer und nicht auf Knopfdruck. Häufig brauche ich nach einem Ausflug, egal wie kurz er gewesen sein mag, erstmal Schlaf. Daheim verfalle ich in einen Tiefschlaf, der oft traumlos ist und aus dem ich nur langsam wieder erwache, weil ich so erschöpft von meinem inneren Kampf und den äußeren Reizen bin. Doch selbst dann hilft es mir, die Fotos auf den Laptop zu laden, sie zu sichten. Einige zu löschen. Andere zu behalten. Und was mir dann noch viel mehr hilft, ist das Bloggen darüber (wie z. B. hier, hier, hier oder hier). Das Schreiben, das Reflektieren mithilfe der Fotos. Erst dann wird mir wirklich bewusst, was ich erlebt habe. Wie schön es war. Und dann klopfe ich mir selbst auf die Schulter! Weil ich mich überwunden und mir selbst in den Hintern getreten habe, um das Haus zu verlassen. Eure positiven Kommentare unter meinen Blogposts und auch eure Emails helfen mir sehr! Weil ich durch dieses positive Feedback weiter positive Erlebnisse sammeln und verankern kann.

Auch wenn mich jeder Schritt viel Kraft kostet, ist er es wert. Jeder Ausflug, den ich während eines Tiefs mache, kostet mich viel Energie, Selbstüberwindung und im Grunde brauche ich einen ganzen Tag dafür. Die Kämpfe vorher und die Erschöpfung hinterher, die belasten. Aber ich muss diese Kraft investieren, um aus dem Tief wieder heraus zu kommen, um das Gedankenkreisen zu beenden und mir selbst positive Erlebnisse zu schaffen. 


Zur Zeit habe ich kein Tief und ich bin sehr dankbar dafür. Das nächste Tief wird irgendwann kommen. Aber es kann gut und gerne noch etwas wegbleiben!



Hier kommen die anderen Fragen und die Klicks zu den Antworten:

  • Teil 1: Depressionen bezeichnet man doch als Krankheit im Kopf? Was passiert da genau? KLICK
  • Teil 2: Hängt deine Therapie direkt mit deiner Depressionen zusammen? Warum wird deine Depression durch "alten Kram" verstärkt?  KLICK
  • Teil 3: Wie fühlt sich ein Tief an? Was passiert, wenn du weinen musst? Hast du Angst? Wodurch wird dieses Bedürnis ausgelöst? Hast du dabei auch Kopf- oder andere körperliche Schmerzen?  KLICK 
  • Teil 4: Wie ist dein Alltag mit deiner Depression, wenn du kein Tief hast? Merkst du die Krankheit dann auch?   KLICK 
  • Teil 5: Was erwarte ich von meinen Freunden?   KLICK 
  • Teil 7: Wie sieht die Welt aus deinen Augen in Tiefphasen aus?   KLICK

Kommentare:

  1. Liebe Frauke,

    endlich komme ich dazu, Deinen Post zu lesen. Und wieder muss ich Dir für Deinen Post und Deine offenen Worte danken.
    Ich würde sehr gerne viel mehr schreiben, aber ich befürchte, dass ich dann wieder einen "Kommentarroman" schreibe... Daher belasse ich es jetzt dabei und schreib Dir lieber mal in Ruhe eine Email. Schließlich habe ich ja "versprochen" mich in Kommentaren kürzer zu fassen, was mir ja nicht immer gelingt. ;-)

    Ich bin wirklich sehr, sehr froh, dass Du den Mut hattest, diese Reihe zu starten. Sie ist großartig und lese sie immer wieder gerne. Danke dafür!

    Liebe Grüße
    Nicole

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    1. Ach liebe Nicole, ich freu mich doch immer sehr über deine Romane hier :-) Über eine Email freu ich mich natürlich auch immer sehr! Lieben Dank auf jeden Fall für deine lieben Worte. Heute und auch sonst!
      Wünsch dir einen schönen Start ins Wochenende!
      Frauke

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  2. Ich kann mich nur jedes Mal wiederholen: vielen Dank... du beschreibst, was ich fühle... und vermutlich viele andere "Be/Getroffene"... momentan hat mich die Erkältung im Griff... und unmerklich rutsche ich ins nächste Tief - ohne zu merken, wo hört die Schlappheit der Erkältung auf - und wo fängt der nächste "Schub" an - in der Vergangenheit hat mir der Hund auch geholfen... seit über einem Jahr muss ich ohne diese Hilfe klar kommen... geht auch... kostet aber noch mehr Kraft... und ein bisschen ist jetzt mein Blog die "Gehhilfe" geworden - auch wenn ich (noch) nicht so offen damit auf meinem Blog umgehe wie Du... aber mich hier zu "outen" reicht mir im Moment... und da wir ja eine gemeinsame Leserschaft haben, erklärt es vielleicht indirekt mache meiner Pausen und / oder Posts... lieben Dank - ich kann es gar nicht oft genug sagen!

    Ich wünsche Dir und Mina einen schönen 1. Advent!

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    1. Liebe Marion!
      Es freut mich sehr, dass dir meine Worte helfen! Und wie du dir bestimmt denken kannst, helfen mir deine Worte auch sehr!
      Ich wünsch dir für deine Erkältung eine fixe gute Besserung und für deinen Schub genügend Kraft um nach vorn zu schauen!! Dass wir uns über unsere Blogs kennengelernt haben, finde ich sehr schön! So im normalen Alltag trifft man ja doch wenig andere "Betroffene". Zumindest wenig, die über die Krankheit reden.
      Ich wünsch dir einen schönen ersten Advent!
      Liebe Grüße!
      Frauke

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  3. Du Liebe, obwohl ich dich (noch) nicht persönlich kenne, würde ich sofort unterschreiben, dass du eine starke Frau bist! Ja, wirklich. Wie offen und ehrlich du mit der Krankheit umgehst, imponiert mir immer wieder! Du gehst das so stark an und lässt dich nicht unterkriegen - dafür verdienst du wirklich einiges an Respekt!

    Liebe Grüße
    /Steffi

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  4. Ich schliesse mich den Vor-Kommentatorinnen an liebe Frauke und sage nur TSCHAKA! Du bist toll und ich finde es toll wie Du damit umgehst! LG Nina

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Ich freu mich über jedes liebe Wort von euch :-)